Von Hans-Dieter Schütt
19.05.2012

Fantasielos?

Fantasie, los! Sahra Wagenknecht, Dietmar Dath, Barbara Kirchner im Disput

Alle Dramatik ist auch die Geschichte ungleicher Brüder. Von Kain und Abel über Shakespeares Edward und Edmund im »Lear« bis zu Schillers Karl und Franz Moor. Die Feindschaft, das Prinzip kämpfender Oppositionen - es wurzelt im Familiären, es sind die zwei Seelen, ach, in einer einzigen Brust.

Wie Simplex und Implex. Simplex? So bezeichnet man ein einfaches, nicht zusammengesetztes Wort. Und Implex? Dies Wort ortet im scheinbar Einfachen das vielfältig Mögliche, also: Noch der durchsichtigste Sachverhalt impliziert Geheimnisschichten. »Der Implex« heißt das Buch von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, eine Kulturgeschichte des Fortschritts, des Fortschritts als Idee und Aktion, ein »Roman in Begriffen«, wie die Leipziger Professorin für theoretische Chemie kürzlich im Gespräch an der dortigen Universität sagte, in einem überfüllten Hörsaal, neben ihr als Diskutanten Dietmar Dath, die Politikerin der Linkspartei Sahra Wagenknecht und Martin Hatzius vom »nd«-Feuilleton, der die Diskussion moderierte.

Es ging um den fordernden Befund, Politik brauche Fantasie. Sahra Wagenknecht sprach von einer derzeit grassierenden »Freiheit«, die lediglich das »Faustrecht des Wirtschaftsstarken« festschreibe. Bändigungsmechanismen, die das Elend Vieler zu verhindern hätten, seien aufgegeben worden, »ein ungebrochener Kapitalismus macht die Demokratie kaputt und langfristige Lebenspläne beinahe unmöglich«. Bindung der Reallöhne an steigende Produktivität - das sei, so Wagenknecht, ein Versprechen der sozialen Marktwirtschaft gewesen, das nicht mehr eingelöst wird. Den Kapitalismus an dessen eigenen Wohlfahrtsideen zu messen, »das heißt inzwischen, die Systemfrage zu stellen«.

Ein »kreativer Sozialismus« müsse entwickelt werden, der nach neuen Eigentumsformen frage und bestimmte Bereiche der Grundversorgung vor Privatgier schütze, etwa Gesundheit, Energie, Mobilität. Wagenknecht bezeichnete »DIE LINKE« als einzige Partei, die alternativ über Finanzordnung, Eigentum, Marktregulierung nachdenke. Hatzius: »Und warum laufen der Partei Wähler weg?« Sahra Wagenknecht kennt diese Frage, die platzt wohl überall in jede Diskussion, dementsprechend schnell kam die Antwort: zu viele Kompromisse ans bürgerliche Lager, zu viele Anbiederungen. »Absurd sowas!«, man müsse seine Maßstäbe durchhalten! »In jeder historischen Situation ist anderes möglich als das, was zur angeblich einzigen Lösung erklärt wird.«

Jetzt: Auftritt Implex. Der Fantasievirus in jedem politischen Terminus. Der Keim des Weiterträumens in jeder gesetzlichen Festlegung. Der Partisan des Utopischen im ödesten Heute. Dietmar Dath zürnt: Man dürfe denen, die die ökonomische Macht besetzt halten, »nicht auch noch die Deutung der Begriffe überlassen«. Das ist sie, die intellektuelle Kriegserklärung. Freiheit, Würde, Gerechtigkeit, Reichtum, Solidarität - das sei Sprache, die kämpferisch wieder zu befreien sei, zu füllen also mit alternativem, mit sozial- und bürgerrechtlichem Sinn. Der wieder hin zu dem führt, was Wagenkecht in ihrem jüngsten Buch »Freiheit statt Kapitalismus« die »vergessenen Ideale« nennt.

Eine tragfähige Zukunftspolitik, so Dath, könne sich an Rosa Luxemburgs Wort orientieren: Immer weniger Zeit seines Lebens möge der Mensch darauf verwenden müssen, dass die »Grundnot« endet. Man fühlte sich unwillkürlich an einen Science-Fiction-Essay des FAZ-Redakteurs Dath erinnert: »Wo Leute das, was ›Technik‹ ist, nicht mehr nur benutzen, sondern darin, daran, daraus, buchstäblich davon leben, beginnt die postindustrielle Welt.« Das ist er, der Maschinen-Menschen-Frieden. »Wir alle sind Produktionsstätten geworden, niemand müsste noch Arbeit ›geben‹ oder ›nehmen‹, sie wird längst gemeinsam geleistet, zugleich kollektiviert, individualisiert und modularisiert wie nie vorher in der Geschichte. Ein System gegenseitiger Belohnung, das die alten Produktionshierarchien überflüssig machen könnte, wird denkbar ..« Politische, ökonomische Fantasie. Ein Essay über eine US-Abenteuerserie, deren Held heißt bezeichnenderweise: Captain - Future.

Nun sei freilich, um dem einzigen Denkheiligtum, dem Widerspruch, das Recht zu belassen, auch dies notiert: So wie Literatur nicht nur aus Fantasie entsteht, sondern ebenso, um der Angst vor ihr etwas entgegenzusetzen, so darf man getrost auch die Fantasie in der Politik fürchten. Alle Geschichte war nämlich auch die Geschichte von Bewusstseins-Überschüssen mit verhängnisvollen Folgen. Allein die Kollektivismen des 20. Jahrhunderts versuchten sich, jeder auf seine Weise, an Überforderungsspielen; als großweltliche Formungsprojekte probierten sie aus, wie sehr der Mensch prometheisch, germanisch, weltproletarisch ins Modell einer geschichtssiegenden Sinngemeinde gepresst werden könne.

Jedes Menschenbild ist Fantasieprodukt, wird aber zum Höllenzeichen, wo diese politische Fantasie kontrollfrei umschlagen darf in eine Gesetzestafel zur notwendigen Umerziehung ganzer Massen. Utopie als Büchse der Pandora, weil man aus diffusen Fernevorstellungen terminierte Polit-Programme fertigte.

Die entscheidende Lehre aus diesen Erfahrungen ist ausgenüchterte Politik, also die praktizierte Erkenntnis, dass der »Möglichkeitssinn« (Robert Musil) einer Entwicklung nie zur Lösung eines Problems wird, sondern stets Teil des Problems bleibt. Möglichkeitssinn steht für Irritation und Grenzüberschreitung - und das ist in der Politik nicht ohne Gefahr, gerade jetzt, in einer Zeit, da sich Menschen verstärkt nach Sicherheit, Bestand und Übersicht sehnen. Längst geriet die produktive Energie, Dinge in Frage zu stellen, in eine natürliche Konfrontation zur Kraft, Ruhe zu bewahren.

Brauchen Politiker Sensibilität? Sahra Wagenknecht verwies auf die Krux einer politischen Alltagsarbeit, »die keine Zeit zum Denken lässt«; mitunter fühle man sich »wie in einem Hamsterrad«. Man habe keine Zeit, über die Frage nachzudenken, wie man leben will, »irgendwann weiß man nicht mehr, dass es diese Frage überhaupt gibt«. Was Dietmar Dath zur modernen existenziellen Grundsituation hochrechnete: Man werde mehr und mehr durch Sozialstress und Müdigkeit aus dem gesellschaftlichen Austausch hinausgedrückt, und tragischerweise schlage dies auch auf Menschen durch, die sich gegen diese Lage wehren wollen. Dath, der Schriftsteller, der an die Kooperative, an die Sinngemeinschaft, an die eingreifende Verknüpfung kämpferischer Seelen glaubt - er konstatierte die Not der Vereinsamung. Immerhin: Wer im Diskurspalaver und Demokratiesimulator vereinsamt, der beweist zumindest per Negation seinen Reifegrad als unbestechlich politischer Bürger.

Aber wohin führe denn die beschworene Sensibilität im Politikbetrieb? Zur Unfähigkeit, sich darin zu behaupten. Es ist doch wohl kein Zufall, dass zu den Arbeitsteilungen der modernen Gesellschaft auch jene Teilung in Intellektuelle und Politiker, Geistarbeiter und Funktionäre, Poeten und Parlamentarier gehört. Disziplin und Eigensinn hat noch kein Politiker auf Dauer vereinbaren können, soldatische Einordnung und Träumerei auch nicht. Der Defekt des Poeten liegt in seiner übertriebenen Feinfühligkeit, der Defekt des Politikers in verminderter Empfindlichkeit. Das mag bitter klingen, ist aber die Wahrheit.

Wagenknechts Plädoyer für eine besinnende Einkehr ehrt sie, kennzeichnet aber »nur« ihre geistige Sonderstellung in einer Sparte, der eine zu große Sensibiliät nicht besonders zuträglich ist. Ein Politiker, der konsequent seine Gefühlswelt, seine Fantasie ausbildet, würde in jeder Partei zum Unglückswesen. Politik kommt nicht herum ums Schicksal, ein Arbeitsort der souveränsten Schlichtgemüter zu sein. Wer Politiker ist, schlägt Schneisen, wo andere den Dschungel des Lebens preisen. Beispiel: Keine Revolution fände statt, wären sich deren Auslöser über die gesamte Kompliziertheit der jeweiligen Lage im Klaren und würde also vorm entscheidenden Schlag sämtliches Wissen über Begleitumstände und Folgen eingeholt werden können. Nur ein plötzlicher Fantasiestopp, nur ein entschlossenes Ausblenden aller Zweifelsgründe schafft den nötigen Mut zur Aktion. Und auch in der täglichen Politik muss, wer gestalten will, einen ausgeprägten Nerv fürs Grobe, Geradlinige, Simplifizierte haben, das inmitten eines unübersichtlichen Bedenkenkatalogs ein Handeln überhaupt erst möglich macht.

Für Dietmar Dath beginnt Veränderung mit der Entschlossenheit des Einzelnen, »sich nicht alles gefallen zu lassen«. Punkt. Und Sahra Wagenknecht wirft der eigenen Partei vor: Einer nötigen Differenzierung werde zu oft die mögliche Radikalität geopfert. Punkt. So klingt im Fazit alles doch wieder sehr einfach. Und das Einfache ist erfahrungsgemäß der angemessen hilflose Ausdruck für den Zusammenhang, der uns übersteigt. Fantasie und Politik werden in einem unergründlichen Annäherungs- wie Anstoßungsprozess Spannungspole bleiben. Der gegenwärtige Zustand der Demokratie zeigt auf der einen Seite ein klebriges Einverständnis zwischen dem Angstkonservatismus breiteter Schichten und dem neoliberalen Härteprinzip der Vermögenseliten - und auf der anderen Seite Linkskräfte, die weder in ihrer nachkommunistischen noch ihrer sozialdemokratischen Form instande sind, gewinnbringende Verfahren des gesellschaftlichen Wandels zu entwickeln. Alles sehr fantasielos. Trauriges Los. Fantasie, los! Zugleich: Vorsicht!

In einem Gedicht von Dietmar Dath zur Lage heißt es: »Kann das Vernünftige am Wahltag siegen?/ Das glaubt kein Mensch, auch der nicht, der da wählt./ Man wird die Stimmen zählen, niemals wiegen./ (Als ob das Ungewogene im Staate zählt).«

● Dietmar Dath/Barbara Kirchner: Der Implex. Suhrkamp Verlag Berlin, 880 S., brosch., 29,90 Euro

● Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft. Campus Verlag. 406 S., geb., 19,99 Euro

● Martin Hatzius: Dietmar Dath - Alles fragen, nichts fürchten. Verlag Das Neue Berlin. 240 S., geb., 17,95 Euro

● Alle Bücher zu bestellen über: nd-Bücherservice, Tel. 030-2978-1777


Vielleicht wäre ein Hochgrad von Fantasiefähigkeit beim Politiker schon erreicht, wenn er im Vorfeld klarer Entscheidungen eben doch ein Suchender bliebe. - Es ist dies der Traum vom Mut, ganz bei sich zu bleiben - gerade dann, wenn man öffentlich wird. Vor anderen zu sprechen nicht als automatischer Zwang, auch unbedingt zu ihnen zu sprechen. Aufklärung nicht als Gütesiegel für die eigene Äußerungsart, nicht als Belehrung, sondern als Selbstforschung. Der Traum ist nicht erfüllbar. Es bleibt in der Auftrittssprache besonders der Politik immer eine fantasietötende Differenz zwischen dem, was wir denken, und dem, was wir sagen wollen. Es gibt so vieles, was dem widerspricht, was wir laut sagen. Wir wissen das und verfeinern den Unterdrückungsapparat unseres Meinungsgehabes.
MARTIN WALSER