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19.05.2012

Revolution in Flensburg

ZUR SEELE: Erkundungen mit Schmidbauer

Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut i
Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut in München.

»Revolution in Flensburg« - mit diesem Titel hat die ADAC-Zeitschrift die neue Regelung der »Punkte« kommentiert, welche Verkehrssündern unter Umständen den Führerschein kosten. Gelegenheit, sich Gedanken über ein psychologisches Phänomen zu machen, das in mehrfacher Hinsicht mit Flensburg, dem ADAC und dem Automobil zu tun hat: die manische Abwehr.

Die Manie ist ein seelischer Zustand, in dem der Unterschied zwischen Idealbild und Ich aufgehoben scheint. Dem Maniker ist alles möglich, er hat keine Grenzen, er muss keine Rücksicht nehmen, denn er wäre nicht nur gerne großartig, wie wir uns das alle wünschen mögen, nein, er ist es wirklich!

Die Extreme dieser Störung haben schon früh die Nervenärzte zu klassifikatorischen Bemühungen veranlasst; ihr zentrales Konzept ist die »manisch-depressive« Psychose, in der sich Phasen der Selbstüberschätzung mit solchen der Selbstunterschätzung abwechseln. Dazwischen kann der Kranke auch weitgehend normal erscheinen.

Heute ist eine Vereinfachung beliebt, wonach solche Störungen eine Folge von genetisch bedingten Störungen des Gehirnstoffwechsels sind. Diese Auffassung hat neben dem Wohlgefallen, das sie bei der Pharmaindustrie auslöst, auch ein nicht zu unterschätzendes psychologisches Plus. Sie schützt die Kranken vor Selbst- und Fremdvorwürfen, welche das psychische Klima eher vergiften als heilsam machen, in dem sich Depressive bewegen.

Die manische Abwehr einer narzisstischen Störung im Liebesleben lässt sich am Don-Juan-Motiv aufzeigen. Der unersättliche Eroberer idealisiert die Frau, die er noch nicht »hatte«, und entwertet die Geliebte, die sich ihm hingegeben hat. Dichter und Komponisten, welche sich mit der Gestalt des Wüstlings beschäftigt haben, achteten wenig auf die unbewussten Hintergründe seines Verhaltens.

Aber wir begegnen Don Juan auch in der Psychotherapie und können daraus ableiten, dass wir auch in der Lebensgeschichte des Helden der Oper eine Situation finden würden, in der er auf höchst verletzende Weise in seiner Männlichkeit entwertet und verlassen wurde. Die manische Abwehr dieser Kränkung führte ihn später dazu, dieses Schicksal einer Frau nach der anderen zuzufügen und über diese Taten ein Register zu führen, um sich jederzeit beweisen zu können, dass es auf der weiten Erde keinen Mann gibt, der weiter davon entfernt ist, ohnmächtig oder abhängig zu sein wie er.

Weniger erforscht und in den Medien der Konsumgesellschaft auch nicht sonderlich beliebt sind die manischen Qualitäten der Konsumgüter, in erster Linie des Automobils. Zeitgleich mit der »Revolution in Flensburg«, die den Superlativismus auch in die biedere Mitgliederzeitschrift des ADAC trägt, beherrschten ein neuer Ferrari und ein neuer Bugatti die Berichte über den Autosalon in Genf. Der Ferrari bringt schlappe 800 PS auf die Straße, der Bugatti 1200.

In Flensburg werden jedes Jahr Strafpunkt für über fünf Millionen Verletzungen von Geschwindigkeitsbeschränkungen vergeben. Wer mit einem Durchschnittsauto unterwegs ist, hat schon Mühe genug, in der beruhigten Zone rechtzeitig den Fuß vom Gas zu nehmen, um nicht plötzlich über 60 Stundenkilometer zu fahren und damit einen jener Punkte zu kassieren, deren Anhäufung am Ende den Führerschein kostet.

Das ist keine Revolution, das war schon immer so, seit die Statistiker in Flensburg arbeiten. Aber die pathetische Ausdrucksweise passt perfekt zu einer automobilen Welt, in der schwindende Energiereserven auf wachsende PS-Zahlen treffen. Der Gipfel der Ölproduktion ist überschritten, aber jedes Jahr legen die Luxusmarken noch ein paar Pferdestärken zu. Nutzen kann die niemand.

Nur in Deutschland haben die Boliden auf manchen Autobahnen noch freie Fahrt. In den etwas weniger manischen Ländern Europas, in denen ein allgemeines Tempolimit regiert, sind bereits die meisten Kleinwagen übermotorisiert.

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