19.05.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Hisatos Großmutter

Hisato war wie mein Bruder. Ich fühlte mich wohl bei ihm in der Familie, bei der ich als Austauschschüler in Japan herzlich aufgenommen wurde. Während meines Aufenthaltes starb Hisatos Großmutter. Als Mitglied der Familie durfte ich an der buddhistischen Beerdigungszeremonie, die drei Tage dauerte, teilnehmen und bekam wie Hisato schulfrei.

Als alle Verwandten am Sterbeort der Großmutter eingetroffen waren, wurde die Trauerzeremonie mit Gebeten vor dem Altar in ihrem Wohnhaus eröffnet. So kam auch ich an die Reihe, obwohl ich sie überhaupt nicht kannte. Ich betete so, wie es mir gezeigt worden war. Ich verbeugte mich vor dem Altar, der aus dem Sarg, in dem die Tote lag, einer Holzschnitzerei, die die Fassade eines Tempels zeigte und vielen Kerzen rundherum bestand. Auf beiden Seiten leuchteten Lampen, deren Schirme Holzschnitzereien zierten, die Tier- und Pflanzenmotive aufwiesen. Im Mittelpunkt des Altars schaute mich ein Bild der Verstorbenen an. Nach der Verbeugung zündete ich ein Räucherstäbchen an einer Kerze an, das ich dann in ein Gefäß steckte. Dann schlug ich eine Glocke an und faltete die Hände zu einem weiteren Gebet. Als ich mich zuletzt noch einmal verneigt hatte, dankte mir Hisatos Onkel mit freundlichem Blick.

Am Abend kam ein Priester, der Sutren aufsagte. Alle saßen im Kniesitz, nur die Älteren der Familie wählten den Schneidersitz oder ließen die Beine in ein Loch baumeln, das unter dem Tisch im Boden eingelassen war. Ich hätte gern den Kniesitz gewählt, aber auf Anraten tat ich es den Älteren gleich. Im Nachhinein stellte ich fest, dass diese Zeremonie viel länger dauern sollte, als ich zuerst annahm, und war froh darüber, am Tisch bzw. am Loch sitzen zu dürfen.

Am zweiten Tag fand die Beerdigung statt. Als alle im Haus der Familie versammelt waren, konnte ich, wie alle Familienangehörigen, meiner nur kurzzeitig gewesenen Großmutter ins Gesicht sehen und ihr Blumen in den Sarg legen. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Tod konfrontiert wurde. Danach wurde der Sarg zum letzten Mal geschlossen, und die Angehörigen wurden gebeten, einen goldenen Sargnagel in den Deckel zu schlagen. Nun, ich gehörte auch zu den Angehörigen der Toten. Jeder durfte dreimal schlagen. Es ist für mich eine sehr ungewöhnliche Erfahrung. Anschließend fuhren wir mit einem Bus zum Krematorium.

Großmutters Bild wurde nun auf den Altar des Krematoriums gestellt. Nach einem Gebet entschwand der Sarg meinen Augen. Er ist sicher den vorgeschriebenen Weg gegangen.

In dieser schätzungsweise einen Stunde wurde relativ gut gelaunt gespeist und miteinander geplaudert, und ich als Ausländer mittendrin, so als ob ich schon immer dazugehören würde.

Nach dem Essen erfuhr ich eine für mich unvorstellbare Überraschung. Wir wurden in einen Raum gebeten, in dem auf einem Podium Knochen der Großmutter aufgebahrt waren, und zu beiden Seiten lagen drei paar Stäbchen, mit denen die Angehörigen diese wertvollen Teile sorgfältig in ein hölzernes Gefäß übertrugen. Das war für mich sehr fremd. Mit diesem Schatz und dem Bild der Großmutter fuhren wir gemeinsam zum Tempel in die Stadt, in der sich das Wohnhaus der Familie der Großmutter befand. Dort wurde ein dritter großer Altar aufgebaut, und wir lauschten mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen den Sutren des ältesten und somit ranghöchsten Mönchs des Tempels. Nach dieser Zeremonie verabschiedete sich jeder mit einem Gebet von der Toten und verbeugte sich vor den Angehörigen und den Mönchen.

Zuletzt wurden die Gegenstände des Altars, das Bild und das hölzerne Gefäß zum Grab gebracht. Alle Angehörigen aus dem engen Verwandtenkreis wurden mit Namen aufgerufen, einen Gegenstand davon zum Grab zu tragen. Der Aufrufende hatte mit der Aussprache meines Namens Probleme und ich Probleme mit meiner Aufgabe. Ich fühlte mich nicht würdig, da ich die Verstorbene ja eigentlich gar nicht kannte. Doch schließlich hatte ich einen Kerzenständer mit Kerze in der Hand und reihte mich in die Familie ein. Als alle Gegenstände im Grab abgelegt waren, wurden Räucherstäbchen angezündet und noch einmal gebetet. Dann löste sich die Gruppe langsam auf. Bevor ich die Tempelanlage verließ, durfte ich die Tempelglocke schlagen. Es soll Frieden bringen, heißt es.

Jan Stange

63150 Heusenstamm

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