Von Katharina Dockhorn
19.05.2012

Schielen nach der Quote

MEDIENgedanken: Programmpolitik von ARD und ZDF

Regina Ziegler ist sauer, und selbst der verantwortliche Redakteur des ZDF stimmt in ungewohnter Offenheit in ihr Klagelied ein. Gemeinsam hatten sie die Tragikkomödie »Komm schöner Tod« für einen Sendeplatz um 20.15 Uhr konzipiert. Doch Chefredakteur Peter Frey verbannte den gelungenen Film von Friedemann Fromm, der von Sterbehilfe, Pflege und Schönheitswahn in einer alternden Gesellschaft in naher Zukunft mit einem überzeugenden Genre-Mix erzählt. Auch der Vorschlag, das Thema in anderen Sendungen zu vertiefen, stieß auf taube Ohren.

Selten hat ein Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders in solcher Klarheit das Schielen auf die Quote im eigenen Haus kritisiert. Es sei ein eklatanter Fehler, sich nicht rechtzeitig gegen den Quotendruck als einzigen Erfolgsgradmesser gewehrt zu haben, stimmt ihm Bettina Reitz, Noch-Chefin der ARD-Tochter Degeto und designierte Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks während des Diskurses der Deutschen Akademie für Fernsehen »Stell Dir vor es ist Quote und keiner zahlt« zu. ARD-Programmdirektor Günther Struve habe in den 1990ern begonnen, in der Quotenhatz mitzuspielen, um die Akzeptanz der Sender für die Zukunft zu sichern. In der öffentlichen Diskussion hätte jedoch schon lange eine Differenzierung der Erfolgsdefinition eingefordert werden müssen.

Reitz verwies auf die Resonanz von Michael Hanekes »Das weiße Band« - zwei Millionen Zuschauer im Kino und vier Millionen bei der Erstausstrahlung im Hauptabendprogramm. Der Schwarz-Weiß- Film beweise, dass der Zuschauer anspruchsvoll unterhalten werden wolle und in den Sendern die Freiheit vorhanden sei, Filmkunst zu fördern und Experimente zu wagen. »Wir leben bei ARD und ZDF doch in paradiesischen Zuständen. Keiner reißt uns den Kopf ab, wenn ein Programm nicht die erwünschte Quote hat.«

Die Liste der erfolgreichen Erstausstrahlungen ließe sich fortsetzen, doch auch Reitz weiß, dass es in der ARD nicht leicht ist, außergewöhnliche Programme zu platzieren und der Senderverbund nicht immer den langen Atem habe, nach Quotenflops nach den Gründen zu forschen. Hat ein Fußballspiel oder eine Quizshow den Erfolg verhindert? So werde Themen oder Filmemachern eine zweite Chance verbaut. Reitz sprach sich auch gegen die Konkurrenzprogrammierung von ARD und ZDF aus. »Das hilft nicht. Wenn wir es nicht lernen, uns zu verständigen, ist das System gefährdet.«

Dabei haben es die öffentlich-rechtlichen Sender schwerer als die private Konkurrenz, auf ihre Highlights aufmerksam zu machen. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) weist den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum Mittel für Werbung in eigener Sache zu. Großflächige Plakatwerbung, wie sie sich die privaten Sender für Event-Marken leisten, sei daher nicht bezahlbar, legt Reitz den Finger in die Wunde. Eigenwerbung auf dem Sender mache diesen Nachteil nicht wett, bestätigte Hubertus von Lobenstein, Partner einer Werbeagentur. Wobei er auch phantasie- und aussagelose Slogans wie »Mit dem Zweiten sieht man besser« oder »Bei der ARD sitzen Sie in der ersten Reihe« beklagte. Der Werbeprofi sprach sich gegen die einseitige Hatz um die Höchst-Quote aus, sie sei ja nichts weiter sei als eine Messlatte für die werbetreibende Industrie. Es könne sogar sinnvoller sein, zielgerichtet im Umfeld von Sendungen Reklame zu schalten, die einen kleineren, dafür treuen Publikumskreis anspreche.

Dass die Quotenhascherei die Filmemacher zu einem Spagat zwinge, erlebt Filmemacherin Aelrun Goette, Gewinnerin des Deutschen Filmpreises (»Die Kinder sind tot«) und des Grimme-Preises (»Unter dem Eis«). In Gesprächen mit Redakteuren der Sender werde sie oft mit Kleingeist und Angst vor der Verantwortung konfrontiert. Mit Blick auf die Quote, was aber nie direkt ausgesprochen werde, werde versucht, Projekte »massentauglich« zu trimmen, das heißt ihnen politische Brisanz und gesellschaftliche Relevanz zu nehmen. Das führe zu kryptischen Situationen, gegen die Filmemacher ankämpfen müssten, sowie zu Energieverlust. »Das Fernsehen ist darin Spiegel der Zeit,« meinte die Regisseurin. »Dabei ist es spannend, sich Kreativzellen zu suchen, in denen Leute Verantwortung übernehmen wollen.«

Reitz räumte ein, dass mancher Redakteur nicht das nötige Rückgrat habe, sich gegen das Quotendiktat zu wehren, dann statt auf Qualität lieber auf Seichtes setze. Doch bei allem Verständnis für die Kritik am Programm sowie den Gremien von ARD und ZDF, das Angebot sollte grundsätzlich nicht in Frage gestellt, sondern das System verteidigt und verbessert werden, fordert Reitz. Das hängt aber wohl entscheidend davon ab, ob engagierte Redakteure - wie zum Beispiel Bettina Reitz - sich gegen Chefs durchsetzen oder ihre Mitstreiter ermuntern, in ihre Fußstapfen zu treten.

Die Autorin ist freie Medienjournalistin und lebt in Berlin.

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