Fabian Lambeck und Ines Wallrodt, Frankfurt 19.05.2012 / Inland

»Wir sind doch nicht in Weißrussland«

Frankfurts Bankenviertel war dicht - dafür sorgte schon die Polizei

Blockupy! Frankfurt am Main ist dicht, alles ist blockiert - aber nicht von den Demonstranten. Und die Gewalt? Der gefürchtete »Schwarze Block«? Fehlanzeige. Eindrücke aus einer Stadt unter Polizeibelagerung.

Der blasse junge Nachwuchsbanker mit roter Krawatte hat ein Problem. Er steht mitten unter Krisenaktivisten in einem Polizeikessel und muss nun einen misstrauischen Polizisten davon überzeugen, dass er nicht gegen seinen Brötchengeber demonstrieren, sondern einfach nur sein Büro verlassen will. Die festgesetzten Bankenkritiker machen sich einen Spaß daraus: »Der gehört zu uns«, beteuern sie. »Der war die ganze Zeit dabei.« Trotz ihres eindeutigen Gelächters muss der gut gekleidete junge Mann noch einige Minuten den falschen Verdacht ertragen. Dann hat er Glück. Ein anderer Polizist gibt von weiter hinten sein Okay. Er darf die Polizeikette passieren.Die Frankfurter Innenstadt befindet sich seit Donnerstag im Belagerungszustand. Das Bankenviertel ist hermetisch abgesperrt. Kein Polizist will sich auf den Augenschein verlassen. Rein kommt nur, wer nachweisen kann, dass er in einem der Hochhäuser oder angrenzenden Geschäften arbeitet. Jeder wird nach seinem Weg befragt: ob jung, ob alt, Anzugträger oder Punk. Auch rausgeputzte Konzert- und Theaterbesucher müssen ihre Eintrittskarten vorzeigen. Einige Spielstätten wie die Neue Oper liegen innerhalb der Sperrzone, die die Polizei rund um die Europäische Zentralbank (EZB) errichtet hat. Eine blonde Polizistin hat einen Zettel mit den Spielplänen in der Hand. Im Frankfurter Schauspiel werden an diesem Abend passenderweise Schillers »Räuber« gegeben, die Geschichte eines zu Unrecht zum Kriminellen gemachten guten Menschen.Viele der Demonstranten sind Donnerstagabend auf der Suche nach einem Schlafplatz. Die Stadt hat abgelehnt, Übernachtungsflächen zur Verfügung zu stellen. Zur Not, meint ein junger Mann aus Wien, werde er sich am nahen Mainufer in seinen Schlafsack legen. »Der hält bis drei Grad warm.« Aber noch hofft er mit seinen Freunden auf etwas komfortableres und malt im Hof des DGB-Hauses ein Schild: »Schlafplatz gesucht«. Irgendwo kommen alle Krisenaktivisten schließlich unter: privat, in einer Kirche, in einem Park.Und die Stadt Frankfurt: »Bereits am Bahnhof hat die Polizei mein Zelt beschlagnahmt«, berichtet ein sächselnder Demonstrant empört. Kein Einzelfall.In der Bankenmetropole prallen Welten aufeinander: Während die Krisenaktivisten den Platz vor dem Römer in Beschlag nehmen, sitzen gut betuchte Gäste in den Restaurants am Rand, genießen ihr Weizenbier und vielleicht auch ein bisschen das ungewöhnliche Spektakel vor ihnen. »Take the square«, unter diesem Motto soll der Platz nach ägyptischen Vorbild in ein Basiscamp für die Proteste umgewandelt werden. Doch daraus wird nichts. Die Polizei räumt abends – auch unter Zuhilfenahme sogenannter Schmerzgriffe. Und so erinnert der Platz schließlich doch ein wenig an sein Kairoer Vorbild.Das Missverhältnis zwischen polizeilicher Präsenz und Einsatztaktik einerseits und den einigen hundert friedlichen Demonstranten andererseits wird am Tag der geplanten EZB-Blockade besonders deutlich. Jegliche angemeldeten Veranstaltungen wurden aus Angst vor Randale verboten. Doch das von der Boulevardpresse und hessischen Christdemokraten gezeichnete Schreckensszenario mag sich nicht einstellen. Kein Vermummter weit und breit. Kein Stein, der fliegt. Stattdessen wird viel gelacht und musiziert. Doch jede noch so kleine Ansammlung von Demonstranten wird sofort von martialisch aufgebrezelten Beamten umstellt. Die Demonstranten hätten das Zentrum wohl nie so umfassend lahmlegen können, wie die unzähligen Blaulicht-Konvois.

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