19.05.2012

Todesstatistik

Kommentar von Thomas Mell

Vor gar nicht mal so langer Zeit waren die Schlagwörter »Irak«, »Autobombe« und »Selbstmordattentat« fester Bestandteil der täglichen Berichterstattung. Insbesondere 2006 und 2007, als die Gewaltwelle ihren traurigen Höhepunkt fand, verketteten sich solche Meldungen zu einem abstumpfenden Medienecho. Irgendwann haben wir in meiner estnischen Heimatredaktion vereinbart, dass nur noch Anschläge mit mehr als zehn Toten zu vermelden sind.

Kriegsstatistik ist von zweierlei Qualität. Einerseits Truppenverluste, die akribisch dokumentiert werden. Auf 4804 beziffert die viel zitierte Website icasualties.org kühl und trocken die in Irak gefallenen Soldaten der Koalition der Willigen. Andererseits ist die um ein Mehrfaches größere Zahl der getöteten Zivilisten (Männer, Frauen und Kinder) in den Kriegswirren kaum festzustellen. Hinzu kommt, dass es in Zeiten »asymmetrischer Konflikte« oft eine Frage der Sichtweise ist, ob ein Todesopfer den Kombattanten oder der Zivilbevölkerung zuzurechnen ist.

Dies lässt viel Zahlenakrobatik zu. Die gängigsten Schätzungen gehen in Irak von gut 100 000 Opfern aus, die neueste Hochrechnung der Friedensbewegung kommt auf 1,5 Millionen. Die Todesstatik eines Krieges bleibt eine hochpolitische Frage. Das gilt sowohl für den unteren wie den oberen Bereich. Was einen dann doch verwundert, ist, dass es keine aktuellen und wissenschaftlich belastbaren Studien über die Opfer des Irak-Kriegs gibt. Dies wäre endlich eine Ziffer, die aufhorchen ließe.

Der Autor ist Redakteur der estnischen Nachrichtenagentur BNS und hospitiert derzeit bei »nd«.

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