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Von Harald Kretzschmar
21.05.2012

Einmal Butzmann und zurück

Cottbus zeigt »Die ganze Heimatkunde«

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Der Künstler und seine Kunst frei im Raum.

Am 16. September 1942 wurde er in Potsdam geboren. Und dort lebt er wieder seit 2007. Da ist eine würdige Personalausstellung für Manfred Butzmann fällig.

Was die Landeshauptstadt nicht zu bieten hat, dafür sind die Staatlichen Kunstsammlungen Cottbus inzwischen eine gute Adresse. Nun würdigt das Land Brandenburg den zeichnenden, montierenden, gravierenden, malenden (und was noch alles) Meister also als Erkunder dieser Heimat. Dabei war er ja in Hauptlebensjahren zum Berliner Ausnahmekünstler geworden - 40 Jahre verortet in Pankow, Parkstraße 36. Erst der Altbesitzer der Atelierwohnung hatte seine Entfernung von dort bewirkt.

Das ist so unvergessen, dass am Eröffnungstag seine große Berliner Fangemeinde mit vielen namhaften Männern und Frauen der Kunst in die Lausitzmetropole pilgert und schnell im Eröffnungssaal des Dieselkraftwerks für Überfüllung sorgt. Und der Tag hat es in sich. Einmal Butzmann und zurück, sagten wir am Fahrkartenschalter. Der Regionalexpress lädt außer uns Künstlern eine Menge ungebetene Gäste vor Ort ab. Nur Fußballfieber? Nein, politischer Krawall ist angesagt. Die Mikrofonstimme schallt weit. Raus aus Euro und EU, schreit der Wortführer von fuffzich Jungs. Rin in die NPD, meint er. Die Straßen stehen ihm und ihnen offen. Schwarz uniformierte »Eisheilige« haben sie leergefegt, Hunderte Sitzblockierer wurden abgeblockt.

Mit gesenkter Fahne irren diese am Kunstmuseum vorbei. Darin ertönen zartbesaitet capriccioso Viola und Mandoline und hochpreisend furioso die Laudatio. Trefflich beschrieben wird der Manfred Butzmann der Vergangenheit. Als Spurensucher und Spurenfinder. Als Zeitzeuge und Unruhestifter. Als Erinnerungshelfer und Aufwecker aus Gleichgültigkeit. Als Stadtforscher und Landgänger. Rückt die Stühle auseinander, ich will mich dazwischensetzen. So hat er einst gesprochen. Alles kommt zur Sprache. Auch das Gegenwärtige? Ja, die dunkle Landschaft, vor der Haustür in Potsdam-Bornim aquarelliert. Sie ist es.

Draußen irren sie mit gesenkter Fahne am Kunstmuseum vorbei. Welcher Zeitzeuge und Unruhestifter nimmt diese Suchenden wahr? Wer tut es heute Butzmann gleich, macht anzügliche Fotocollagen, nachdenkliche Kleingrafik? Wer ist heute so kontrovers zeitbezogen wie er, der sich dazumal unversehens als Ost-Pendant an der Seite von Klaus Staeck wiederfand? Wo ist heute die Bildkunst als Widerhaken im öffentlichen Bewusstsein? Engagiert von niemandem anders als sich selbst?

Die drei Ausstellungssäle sind prallvoll mit Butzmann-Kunst vom Feinsten: Die Aquatinten vom kruden NVA-Milieu, vom versteinerten Berlin oder nur von Alltagswerkzeug. Durchweg blitzgescheit schwarz-weiße Plakate, bereits im hiesigen Haus gesammelt. Die Hasenfahnen-Drucksachen, zur Verlustierung der Pankower Kinder gemacht. Das mit der kalten Nadel Gekrakelte, groteske Totentänze aufführend. Die großen Abreibungen, einem von Schicksalen und Prägungen gezeichneten Fußboden abgerungen. Sie hängen in großen seidenpapierenen Bahnen im Raum, Menetekel von erhaschtem Nichtvergangenen.

Statt Katalog gibt es gedruckte Hefte. Wie heißen sie? Heimatkunde. Aquarelle. Molle. Ja, in jenen Endnächten des 89er Jahres musterte der Künstler die plötzliche Wiedervereinigung voller Skepsis durchs Westbierglas der Weddingkneipe »Molle«. Da machte er Skizzen und ließ sich bedichten. Seitdem wandelt er jenseits von Gut und Böse. Verweile doch, mein Lieber ... Einmal Butzmann und zurück.

Die ganze Heimatkunde von Manfred Butzmann. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, bis 19. August, Di-So 10-18 Uhr

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