Von Stefan Amzoll
21.05.2012

Wo ist meine Heimat?

2. Klima-Konzert der Staatskapelle Berlin

Patricia Kopatchinskaja war der Star des Abends. Die welberühmte Geigerin spiel-te in fast allen Sätzen für Streicher mit. Bartoks »Sechs Rumänische Tänze« für Streicher dirigierte sie von der Geige aus, inspirierend alle: ihre Musiker, deren Lust steigernd, wie die Leute im Kammer-musik-Saal der Philharmonie, die begeistert waren. Sie kamen, um einem Benefizkonzert zu lauschen, zugunsten der Klimaschutzstiftung Naturton (Schirmherr: Daniel Barenboim) für einen Auenwald in Moldawien. Es war das zweite, das die Staatskapelle veranstaltete.

Höchst löblich, die Initiative. Die Kopatchinskaja stammt aus Moldawien. Sie kümmert sich leidenschaftlich um ihre Musik, das ist ihr Leben. Ihr Können ist so enorm wie das Blitzen ihrer Augen und die Vehemenz ihrer Körperarbeit. Sie beherrscht die neue wie die alte Musik, musiziert Uraufführungen. Erste Dirigenten und Klangkörper fragen nach ihr. Folge: Sie, noch gar nicht alt, jettet in der Welt umher, von Podium zu Podium, auf allen Kontinenten. Ein Naturtalent. Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Heimatliche Volksmusik hat sie aufgesogen wie die Muttermilch, die moldawische, die rumänische. Sie liebt Bartok. Der lebte nahe ihrer Heimat und baute die Taktwechsel volkstümlicher Rhythmen, ungarische, bulgarische, rumänische, kunstvoll in seine Musik ein.

Des Ungarn György Ligetis frühe, musikantische, aus dem Volke schöpfende Arbeiten mag Patricia Kopatchinskaja so sehr wie seine späten, sofern die davon nicht ganz gelassen haben. Nicht minder schätzt sie die Mikroarbeit György Kurtags, gleichfalls Ungar, des Meisters der Feinheiten des Klangs. Die Bedeutung und innere Konstruktion einer Komposition zu kommunizieren, sei ihr das Wichtigste. »Neugier treibt mich, musikalische Grenzen zu erkunden und ich bin bereit, die damit verbundenen Risiken auf mich zu nehmen«, sagt sie. Kurzum: Die Kopatchinskaja drückte dem Programm den Stempel auf. Sie plante es mit der Staatskapelle, sie schrieb den einführenden Pro-grammheft-Text und sie setzte ein Großteil des Programms mit um.

Gleichzeitig weist diese Initiative auf Bekümmernisse. Da bangt eine große Künstlerin. Wo bist du, Heimat? Ist dir wohl, Mensch dort? Die rücksichtslose Naturzerstörung hat auch ihr Land erreicht: »Wo ist jetzt der ausgetrocknete Fluss, in dem meine Mutter mit ihren Brüdern in ihrer Kindheit noch schwimmen und fischen konnte? Wo sind die Karpfen und riesigen Hechte, die halb so groß waren wie die Kinder selber. So groß waren die Fische, von denen die Menschen rund um den Fluss sich ernähren konnten. Bis er ausgetrocknet war.« Von den Gesängen in Moldawien sei vielleicht noch einiges da, »und doch ist es verloren.« Dass dem durch Spenden - Tropfen auf den heißen Stein - vielleicht etwas abgeholfen werde, dazu diente der Abend.

Bläsermusik schon im Foyer. Von Olivier Messiaen. Auch moldawische, frei improvisierte Melodien tönten. Im Saal musizierten Instrumentalisten auf den verschiedenen Emporen und auf der Bühne. Oben gegenüberliegend Bläserquintett und Streichquartett, in der Mitte vorerst zwei schweigende Cellisten, am Rand die Batterieplattform des Schlagzeugers Dominic Oelze. Er hob an mit Xenakis’ »Rebonds B« für Schlagwerk. Wuchtig dies Werk, grantig, knallig, hart und zart. Die Kante, auf die repetierend geschlagen wird, ist eins ihrer Merkmale, im Ganzen die Entfesselung wilder, rhythmischer Gebärden. Eleganz, Spielwitz, sei es das sostenuto, stridente, sei es das vivo energico aus Ligetis »Zehn Stücke für Bläserquintett«, treffen sich mit den bläserischen Möglichkeiten, die der Komponist bis zur Neige ausnutzt.

Was lag näher, auch der Melancholie freien Lauf zu lassen. Kurtags angstbesetzte Kafka-Fragmente, Satz 4 »ruhelos«, für Sopran und Violine erledigte die Kopatchinskaja allein in den dunkelsten Färbungen. Das Angebot erfolgte satzweise, die Werke und Spielpositionen wechselten rasch. Zwischen die Bläserstücke von Ligeti rückten Sätze aus den »Zwölf Mikroludien für Streichquarett« op. 13 von Kurtag. Mal kam Musik von oben, mal von unten oder seitlich, je nach Sitzposition. Die Sinne durften nicht ausruhen. Dann formierte sich ein Kammerorchester aus Mitgliedern der Staataskapelle mit dem Dirigenten Pablo Heras-Casasdo und adressierte das Ligetis »Concert romanesc« für Orchester, ein Werk aus der Shdanow-Zeit (1951), das allenthalben über die Stränge schlägt, mal launisch und schräg klingt, mal die Shdanowschen Doktrinen durchaus erfüllt. Das molto vivace, presto arbeitet ein Finale mit unverhofftem Abschlag aus, das anzuhören Spaß macht.

Großes Finale. Beethovens Violinkonzert, nach der Unmasse vorliegender Skizzen allenthalben im Violinpart neu bearbeitet von Patricia Kopatchinskaja. Da werden durchgestrichene Taktteile wiederbelebt, ganze schlichte, ja allzu schlichte darunter. Da gibt es wider Erwarten Abtausche der Geigerin mit dem Solopauker, lustigerweise auch mit dem Konzertmeister selber, fast eine Umarmung. Die Solistin dreht sich gelegentlich um ihre Achse, anmutend die Musiker ringsum. Duette mit dem Solohornisten ergänzen die Show. Aus den Kadenzen zaubert die Kopatchinskaja wahre violinistische Feuerwerke und vergisst nicht, den Beethovenschen p-ppp-Bereich zu durchmessen. Eine Freude, diese klassische Neuheit, diese Freizügkeit und Blutfülle der Interpretation zu erleben.

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