Von Hans-Dieter Schütt
21.05.2012

Lebens Geheimnis

Stéphane Hessel bleibt ein (sanfter) Empörer

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Dieses Buch zu lesen, bedeutet eine »Übung in Bewunderung« - wie Stéphane Hessel es selbst ausdrückt, wenn er an Anreger und Herausforderer seines Denkens erinnert. An diesem deutschen Franzosen, an diesem französischen Deutschen zu bewundern ist ein ungewöhnlich intensiver Aufschwung des hohen Alters. Aber dieser Aufschwung eines fast 95-Jährigen reißt an keiner Stelle das Missverhältnis zwischen Sein und Wunsch, zwischen Wollen und Können auf, wie es oft genug jenen Typus prägt, der schon in der Frist lebt, aber noch immer meint, Zeit zu besitzen. Die Welt wimmelt vor solchen Leuten, die nicht loslassen können, und die ihre politischen, machtbezogenen, besserwisserischen Begierdereserven aufreißen, als gäbe es für diese überhaupt kein Verfallsdatum.

Stéphane Hessel, 1917 geboren, dessen Denkweckschrift »Empört euch!« so beherzt gegen die internationale Zornentwertungspraxis wetterte und die zum Überraschungs-Bestseller der letzten Jahre wurde - er ist ein Mensch, der mit vollem Bewusstsein an der Schwelle des Abschieds denkt, schreibt, sich erinnert. Und just diese Position des quasi Überzeitlichen gibt seinen Reflexionen eine wunderbar gewinnende Naivität, eine groß durchadelte Bescheidenheit, eine souveräne Einfachheit und eine großzügige Noblesse des existenziellen Dankens.

»Empörung - meine Bilanz« heißt das Buch, das Hessel lange nach seinen eigentlichen Erinnerungen und im Bannkreis seiner jüngsten politischen Einwürfe schrieb. Es ist ein überzeugendes Bekenntnis zu einem Dasein, das im Grunde wenige Prämissen und Pfeiler hat, aber es sind doch unverzichtbare Dinge, von denen der Autor überzeugt ist, sie vor allem seien für ein gelingendes Leben zu entwickeln, zu achten, zu bewahren: Gespräch, Demut, Unterscheidungsvermögen, Tastsinn für menschliche Wärmequellen.

Eine Frage steht über allem: »Was weiß ich von den Menschen, von der Welt und von der Liebe?« Die Antwort summiert sich über die Jahre, und was an Bejahungen, was an Liebesfülle sich fügt, das besonders entscheidet über die Wertschätzung von Welt und Menschheit - der Kreis, der Wellen schlägt, wird aus dem Inneren eines Bewusstseins ins Außen geschlagen.

Und immer, so dieser energische Diplomat, sagt die Liebe: »Nach Ihnen, meine Herren!« Eine Metapher der Weltfremdheit? Nein, des Kampfziels, dass Rücksichtnahme, Verständnis und Gemeinsamkeitsempfinden eines Tages eben nicht mehr als weltfremd gelten mögen.

Hessel hat ein glückliches Leben gelebt, und dies Glück meint die behütete Kindheit, die frühe Bindung ans Poetische, meint die Gnade so vieler beglückender, horizontweitender Bekanntschaften ebenso wie jenes Glück, das ihn vorm Tod im KZ rettete. Glück, das ist aber auch die Fähigkeit, im schweren Schicksal nicht zu resignieren, noch im Bitteren Lebensgeister geweckt zu sehen. Immer trieb ihn ein Verständnis von Résistance und Wehr, das nicht nur Gegenkraft, sondern auch Fürsprache sein wollte.

»Auflehnung muss zu echtem Engagement führen.« Freiheit ist Beteiligungsauftrag. Und zwar ein Auftrag, den Hessel geistig an die Grundpflanzer seiner demokratischen Gesinnung bindet, wie etwa an den geliebten Walter Benjamin, der das gesellschaftliche Maß der Freiheit an den Stand der Würde von »Ausgegrenzten, Geringstgeachteten, Schutzlosesten« knüpfte.

Das Buch ist ein leidenschaftlich vorgetragener Kommentar zu allen Gegenwartsfragen der Gattung. Hessel zitiert Camus und Sloterdijk; über Bibelstellen und griechische Mythologie geht der Weg zu UNO-Dokumenten und zurück zu Heraklit. Man würde manchem die Praxis arg verübeln, zu allem und jedem eine Ansicht zu haben, aber aus Hessel, der wahrlich rundum denkt, der über Israel und Atomkraft, über Philosophie und Wirtschaftsrecht nachsinnt, über Liebeskunst und Sufismus, spricht eine überbordende Weisheit, die gekoppelt bleibt an Erfahrung, an überliefertes Schrifttum, an wache Analyse.

Für ihn hat die Idee der Revolution alle Anziehungskraft verloren, das 20. Jahrhundert ist für ihn links wie rechts totalitär gewesen, er glaubt »nur« noch an jene Zuversicht, die vom Mählichen der einfachen, begrenzten Schritte ausgeht. Wo ideologische Euphorie aufschäumt, stachelt seine Skepsis; wo die Realisten ihr derbes ungerührtes Abwinken zelebrieren, provoziert er mit utopisierender Lust.

Große Politik, so lehren die Einwürfe dieses Menschenfreundes, muss im Modus eines unablässigen Balancetrainings geschehen. Das Abenteuer der Moral wird sich künftig vollziehen müssen im Ausgleich - und zwar von ausgeprägtem Normenbewusstsein und dem Respekt vor unangreifbaren Personenrechten. Politik, so Hessel, benötige mehr denn je »Meister«, die ein ganz spezielles Spannungsverhältnis austarieren: das »Spannungsverhältnis zwischen der Allgemeingültigkeit der die Macht tragenden Werte und den egoistischen Tendenzen der Einzelnen, die diese Macht repräsentieren«. In diesem Zusammenhang, so der Autor, komme einem Gedanken Sloterdijks große Bedeutung zu - der nämlich sieht eine der ganz großen Aufgaben des Jahrhunderts darin, »eine Zivilisationsform zu entwickeln, in der die Dynamik der westlichen Kultur ruhiggestellt wird«.

Dieses Buch ist unter diesem Aspekt ein dissidentischer Ratgeber aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Hessel entfaltet seine Einsichten in ständig mitgedachten Formen des Gesprächs, des Austauschs, des Lernens - ohne deshalb der neuerdings so beliebten, verwaschenen Konsenstheorie der Wahrheit anzuhängen. Er will lieber mit allen uneins sein als mit sich selbst im Widerspruch. Mit dem Herzen schlägt da auch ein Gewissen.

Stéphane Hessel schaut auf die Brandherde der Welt und prophezeit, dass es im Großen und Ganzen der globalisierten Verhältnisse keinen Lastenausgleich mehr geben wird, der auf dem Nachtragen vergangenen Unrechts aufbaut. Alles Rächerische hat ausgespielt, alles Welterlöserliche, Sozialmessianische, Demokratiedoktrinäre auch. Das haben andere vor ihm auch schon gesagt, beschworen. Hier aber ist es gütiges, predigendes, erzählendes Wort. Es ist trauriges Wort - wie es unweigerlich jenem auferlegt ist, der um sich herum mehr und mehr Mit-Menschen sterben sieht. Und es bleibt doch kämpferisches, wissenwollendes, neugierig fragendes Wort.

Die Neugier, zornig, engagiert aufs Diesseitige gerichtet, stellt mit der letzten Buchseite doch auch die antwortlose Frage: »Wird das Lied vom Geheimnis des Lebens/ Uns erst nach dem Tode betören?« So der Dichter Christian Planque. Auch den sehr, sehr alten Stéphane Hessel bedrängt diese Frage. Auch die Frage, ob er leidend sterben wird (»ich denke schon«). Vorher aber gibt es noch eine Menge zu tun!

Stéphane Hessel: Empörung - meine Bilanz. Aus dem Franz. Von Michael Kogon. Pattloch Verlag München. 234 S., geb., 16,80 €.

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