Von Alexander Ludewig, München
21.05.2012

Wilder Pogo in blau und weiß

FC Chelsea London feiert auf dem Münchner Rasen glücklichen Sieg gegen FC Bayern München

Hatte Manuel Neuer es geahnt? Drei Minuten vor Ende der Verlängerung im Endspiel der Champions League lag Münchens Verteidiger Daniel van Buyten verletzt am Boden. Und was machte der Torwart des FC Bayern? Er schickte die Mannschaftsärzte vehement vom Feld und zog seinen Mitspieler hoch. Neuer wollte die Entscheidung des Finals im Elfmeterschießen verhindern. Das Londoner Abwehrbollwerk des FC Chelsea stemmte sich aber wie in der gesamten Partie auch in der Schlussphase erfolgreich gegen die unzähligen Angriffe der Münchner und gewann - 4:3 im Elfmeterschießen. Der große rot-weiße Traum war geplatzt. Von den 62 500 Zuschauern in der ausverkauften Münchner Arena feierten nur die 25 000 Anhänger der »Blues« - sie tanzten den blau-weißen Pogo auf der Tribüne ebenso so wild die Mannschaft auf dem Münchner Rasen.

Manuel Neuer konnte es nicht verhindern. Dabei schien die Dramaturgie des Abends ihn zum Hauptdarsteller, zum Helden auserkoren zu haben. Trotz eines überlegenen Spiels mit unzähligen Chancen, schafften es seine Vorderleute nicht, den FC Chelsea zu bezwingen. »Alle Zeichen standen für uns. Wir hatten drei Matchbälle«, analysierte Neuer fassungslos das Erlebte. Die Zeichen: Erdrückende Dominanz des FC Bayern mit 35 Torschüssen (Chelsea 9), 20 Eckbällen (Chelsea 1) und 56 Prozent Ballbesitz.

Matchball eins war die verdiente Führung durch einen Kopfball von Thomas Müller in der 83. Minute. Toni Kroos hatte geflankt und Müller den Ball per Aufsetzer unter die Latte gedrückt. »Diese Führung muss man nach Hause bringen«, ärgerte sich Bayern-Trainer Jupp Heynckes. Allerdings sorgte sein Wechsel vier Minuten später, als er van Buyten für Müller gebracht hatte, für viel Unverständnis. Das funktionierende und spielbeherrschende Gebilde war auseinandergerissen.

Matchball zwei: Nach dem späten Ausgleich durch Didier Drogba (88.) bekamen die Münchner in der fünften Minute der Verlängerung einen Elfmeter. Doch Arjen Robben scheiterte an Chelsea-Keeper Petr Cech. Matchball Nummer drei verwandelte Neuer selbst. Nachdem er im Elfmeterschießen den Versuch des Spaniers Juan Mata pariert hatte, traf er souverän zum 3:1.

An diesem Punkt nahm die Geschichte ihre entscheidende Wendung. Die Bayern bekamen einen tragischen Helden. Nachdem der Münchner Ivica Olic verschossen und Chelseas Ashley Cole getroffen hatte, stand es 3:3. Bastian Schweinsteiger ging schweren Schrittes zum Punkt, den Blick fast ängstlich nur auf den Ball gerichtet. Kurzer Anlauf, Schuss, Pfosten - blankes Entsetzen. Schweinsteiger versteckte sich unter dem Trikot, die restlichen Münchner fielen im Mittelkreis in sich zusammen. Sie sollten nicht mehr aufstehen.

Mit der Erfahrung seiner 34 Jahre und dem Gefühl für den großen Moment ließ sich Drogba viel Zeit. Mit breiter Brust kam der Stürmer in den Strafraum, platzierte den Ball ruhig auf dem Punkt und zog noch mal Stutzen und Spielkleidung zurecht. Kurzer Anlauf, Schuss, Tor. Der Held der Münchner Nacht hatte jetzt einen Namen: Didier Drogba traf zum ersten Titel der Londoner in der Königsklasse überhaupt.

Unverdient? Nein. »Wir dürfen die Schuld nicht in der Spielweise von Chelsea suchen«, beklagte Heynckes vielmehr die eigene Schwäche vor dem gegnerischen Tor. Ein glücklicher Sieg? Ja. Beide Trainer bezeichneten ein Elfmeterschießen als Lotterie. Chelseas Coach Roberto di Matteo sagte noch: »Man kann als Trainer nur damit arbeiten, was vorhanden ist und versuchen das Beste aus seiner Mannschaft herauszuholen.« Das ist ihm nach dem Halbfinalsieg gegen den FC Barcelona nun auch in München gelungen.

Bayern - Chelsea 3:4 i.E. (1:1,1:1,0:0)

München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller (87. van Buyten), Ribéry (96. Olic) - Gomez.

FC Chelsea: Cech - Bosingwa, Cahill, David Luiz, Cole - Mikel, Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba.

Tore: 1:0 Müller (83.), 1:1 Drogba (88.).

Elfmeterschießen: 1:0 Lahm, Mata gehalten, 2:0 Gomez, 2:1 Luiz, 3:1 Neuer, 3:2 Lampard, Olic gehalten, 3:3 Cole, Schweinsteiger verschossen, 3:4 Drogba.

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