Von Renate Wolf-Götz
22.05.2012

Psyche unter Verschluss

Studie stuft 15 Prozent der Heranwachsenden als selbstmordgefährdet ein

»Der ist verrückt« - wenn Jugendliche unter einer psychischen Erkrankung leiden, stehen sie schnell im Abseits. Mit einer Studie hat das Universitätsklinikums Heidelberg versucht, das Thema aus der Tabuzone heraus zu holen. Ziel war, die Probleme von Jugendlichen rechtzeitig zu erkennen und ihnen vorzubeugen.
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Verletzt an Körper und Seele

Europaweit sterben jährlich etwa 13 500 junge Menschen zwischen zehn und 25 Jahren durch Selbstmord, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ermittelt hat. Besonders Mädchen leiden unter psychischen Problemen. »Ein Drittel aller Schülerinnen zwischen 14 und 16 Jahren hat sich schon einmal absichtlich geritzt, geschnitten oder selbst geschlagen«, berichtet Michael Kaess. Der Facharzt und Studienkoordinator der SEYLE-Studie (Saving and Empowering Young Lives in Europe) hat mit einem wissenschaftlichen Team im psychosozialen Zentrum des Heidelberger Universitätsklinikums die selbstschädigenden Verhaltensweisen bei Jugendlichen erforscht, um rechtzeitig vorbeugend eingreifen zu können.

Die mit rund drei Millionen Euro von der Europäischen Kommission geförderte Studie wurde zeitgleich in zehn weiteren EU-Staaten über ein Jahr mit rund 11 000 Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren durchgeführt. Für die deutsche Stichprobe sammelte das Universitätsklinikum Heidelberg Daten von 1400 Schülern und Schülerinnen an 26 Gymnasien sowie Haupt- und Realschulen im Rhein-Neckar-Raum. Das Ergebnis zeigte, dass rund 15 Prozent der Heranwachsenden selbstmordgefährdet sind. Ein Drittel der befragten Mädchen gab an, sich häufig depressiv zu fühlen und selbst zu verletzen. Jungen greifen eher zu Alkohol und Drogen. »Wir haben festgestellt, dass die Selbstverletzungen und der Alkoholkonsum insgesamt zunehmen«, berichtet Dr. Kaess. Aus den Untersuchungen geht allerdings nicht eindeutig hervor, ob das auf ein Modephänomen schließen lässt oder darauf, dass Jugendliche heute mehr psychische Probleme haben.

Die jugendlichen Studienteilnehmer wurden bei den Untersuchungen in vier Gruppen unterteilt. Im Vorfeld verwiesen sie entsprechend geschulte Lehrern, so genannten Gatekeeper, in die vorgegebenen Einrichtungen. Rollenspiele innerhalb der »Awareness-Programme« sensibilisierten die Schüler für ihre Probleme und den Umgang damit. Beim »Professional Screening« boten die Studienleiter gefährdeten Teilnehmern Beratungsgespräche mit Psychologen an, wohingegen die »Minimal Intervention« lediglich mit Postern und Kontakthinweisen arbeitete. Die Ergebnisse der Präventionsprogramme bewertete Studienkoordinator Kaess positiv: Schon bei den minimalen Interventionen habe man eine Verringerung der Selbstmordgefährdung feststellen können. Spannend fand der Kinder- und Jugendpsychiater indessen, dass die Veränderung durch manche Interventionen der Studie bei Mädchen sehr groß war, während sie bei Jungen kaum Wirkung zeigten.

Für die Jugendlichen selbst stellen sich psychische Erkrankung immer noch als ein Tabuthema dar, das man unter Verschluss hält. »Die Hemmschwelle, beispielsweise von Selbstverletzungen zu erzählen, ist sehr groß«, so Kaess. »Da besteht die Angst, als verrückt abgestempelt zu werden. Alkohol wird dagegen eher als cool wahrgenommen«, hat der Facharzt festgestellt. An Hauptschulen sei das Risiko für selbst schädigendes Verhalten und für Stigmatisierung besonders hoch. »Psychische Erkrankungen sind aber letztlich wie Bauchschmerzen«, betont Kaess. »Wenn man sie hat, sollte man zum Arzt gehen«.

Die Mehrzahl der Lehrer, die an der SEYLE-Studie teilgenommen haben, bedauerte, dass es während ihrer Ausbildung keine Angebote gebe, die auf psychische Probleme ihrer Schüler vorbereiten. Psychologen sind dennoch rar an deutschen Schulen. Laut einer 2010 durchgeführten Befragung des Bundesverbandes Deutscher Psychologen betreut ein Schulpsychologe in Deutschland über 10 000 Schüler, während ein Kollege in Dänemark für 770 Schüler zuständig ist. Deutschland gilt hier als Schlusslicht.

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