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22.05.2012

»Es war die größte Anti-NATO-Demonstration in den USA«

Der Friedensaktivist Reiner Braun über die Proteste in Chicago und die Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten

Reiner Braun ist Geschäftsführer von IALANA – »Juristen und Juristinnen gegen atomare, biologische und chemische Waffen« – und seit über 30 Jahren in der deutschen Friedensbewegung aktiv. Mit ihm sprach in Chicago Max Böhnel.

nd: Ihr Eindruck von der Anti-NATO-Demonstration in Chicago?
Braun: Fast 20 000 Menschen, die sich trotz Medienhetze und Polizeieinschüchterung nicht davon abhalten ließen, ihren Willen nach einem Ende der weltweiten Aufrüstungspolitik zu bekunden - das ist sehr beeindruckend. Es war die größte Anti-NATO-Demonstration, die es in den USA je gab. Zum letzten Mal hatte sich die Mitglieder des Nordatlantik-Paktes 1999 in den Vereinigten Staaten getroffen. Zum Gegengipfel tauchten damals gerade einmal 20 Menschen auf. Das Thema NATO interessierte niemanden. Der Höhepunkt der Demonstration jetzt am Sonntag waren die US-Veteranen, die ihre Medaillen und Auszeichnungen wegwarfen und teilweise unter Tränen sagten, sie seien belogen und betrogen worden.

Welche Bedeutung haben solche Veteranenproteste, die es erstmals während des Vietnam-Krieges gab?
All jene, die aus leidvoller Erfahrung berichten, spielen eine wichtige Rolle für die argumentative und emotionale Untermauerung des Anti-Kriegsengagements. So etwas kann man in Europa kaum nachvollziehen, wo das Militär eine weitaus geringere Rolle in den gesellschaftlichen Debatten spielt. Armee und Militär sind in den USA traditionell fast etwas Heiliges, das fast alle als solches anerkennen und das man nicht beschädigen darf. Wenn dann Menschen aus dieser Institution bewusst aussteigen, stellt das einen schwierigen persönlichen Prozess dar. Zumal, wenn sie auch noch den Mut haben, den Ausstieg öffentlich zu erklären.

Vergleichbar ist dieser Ausstieg vielleicht mit dem »whistleblowing«, wenn Menschen mit Zivilcourage aus Gewissensgründen Missstände und unlautere Machenschaften der Mächtigen öffentlich machen. Veteranen, die sich gegen den Krieg wenden, haben in der US-amerikanischen Friedensbewegung eine große moralische Autorität. Darüber hinaus helfen sie auch, in der »Normalbevölkerung« Denkprozesse in Gang zu setzen.

Und ihre politische Bedeutung?
Wer als Veteran offen sagt, Krieg ist ein Verbrechen, deshalb werfe ich meine Auszeichnungen weg, trägt mit Sicherheit dazu bei, dass die Antikriegsstimmung in der Bevölkerung verstärkt wird. Zu hoffen wäre aus meiner Sicht allerdings, dass das nicht erst passiert, wenn ein Krieg verloren ist und es nur noch um einen möglichst verlustarmen Rückzug geht, sondern möglichst schon zum Beginn eines Krieges.

Wären solche Proteste auch in Deutschland denkbar?
Armee - das ist in Deutschland ein schmutziges Wort. »Da gehen die hin, die keine Arbeit haben und die saufen wollen«, ist die Stammtischmeinung. Die Akzeptanz und das Ansehen von Armeeangehörigen, übrigens auch der Offiziere, ist in Deutschland viel geringer als in den USA, wo die Armee aus historischer Sicht eine größere Rolle innerhalb der Gesellschaft gespielt hat. Von daher wären ähnliche Proteste in Deutschland wahrscheinlich weniger aussagekräftig,

Wie ist es eigentlich um die US-Friedensbewegung seit der Wahl Barack Obamas bestellt?
Ich habe selten eine Friedensbewegung erlebt, die so große Schwierigkeiten hat, überhaupt zu gemeinsamen Aktionen zu kommen, wie in den USA. Der Dachverband aller Friedens- und Antikriegsgruppen »United for Peace and Justice« hat sich 2009 kurz nach Obamas Amtsübernahme sogar aufgelöst. Seitdem hat sich ein neuer nationaler Dachverband namens »United National Peace Conference« (UNAC) herausgebildet, in dem allerdings nur die linken Kräfte der Friedensbewegung vertreten sind. Ein anderer Teil sah die Außenpolitik von Präsident Obama zumindest in seinen ersten Amtsjahren kritisch-solidarisch. Einigkeit herrscht zwar darin, dass das Pentagon-Budget gekürzt werden muss, aber sonst ist man weit davon entfernt, wie in den Zeiten unter Präsident Bush eine gemeinsame Sprache zu sprechen.

Das wurde auch bei der Mobilisierung für die Konferenz und die Demonstration in Chicago deutlich. Die Demonstration wurde nicht von allen nationalen Dachorganisationen getragen. Gruppen wie »Peace Action« riefen nicht national, sondern nur mit ihren Ortsverbänden zur Teilnahme auf. Für uns als Gäste war es nicht einfach. Aber mehr als zu bekunden, dass wir mit allen Anti-NATO-Gruppen gerne zusammenarbeiten und das dann auch durchzuhalten, können wir nicht.

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