Von Anett Böttger und Christiane Raatz, dpa
23.05.2012

Das Fernsehbier-Problem

Kleine Brauereien bekommen immer mehr Pfandflaschen zurück, die sie nicht gebrauchen können

Sächsische Brauereien schlagen Alarm. Bei ihnen landen viele Pfandflaschen, die sie nicht verwenden können. Unternehmen haben unlängst einen Protestbrief vorgelegt, in dem sie eine politische Lösung fordern.

Görlitz/Dresden. Flaschen mit Bügel, kurzem Hals, Relief oder Prägung - die Vielfalt der Bierflaschen ist beachtlich. Vor allem kleinere Brauereien haben damit jedoch ein »Riesenproblem«, wie Steffen Dittmar, Geschäftsführer der Löbauer Bergquell Brauerei, sagt. Die Leergutkästen, die aus dem Handel zurückkommen, sind bunt gemischt. Etwa 30 Prozent der Pfandflaschen könne das ostsächsische Unternehmen schlichtweg nicht nutzen - und damit ist die Firma nicht allein. »Das solide Mehrwegsystem steht auf der Kippe«, sagt Dittmar, der zugleich Präsident des Sächsischen Brauerbundes ist.

Ein höherer Aufwand

Möglichst unverwechselbar sollen die Flaschen sein - es sind daher vor allem die aus der Werbung bekannten »Fernsehbiere«, die den mittelständischen Brauereien das Geschäftsleben schwer machen. Seit 2008 überschwemmten solche Flaschen zunehmend den Markt, hat Katrin Bartsch, Geschäftsführerin der Landskron-Brauerei in Görlitz, beobachtet. Der »Systemfehler« zwinge den Betrieben nicht nur einen erhöhten Aufwand beim Sortieren auf, auch die ökologische Wirkung sei negativ.

Landskron kostete das Flaschen-Durcheinander im Vorjahr rund 125 000 Euro. Inzwischen hat die Braumanufaktur 300 000 Euro in eine neue Sortieranlage investiert, auch um lieferfähig zu bleiben. Individuelle Ausführungen können nun maschinell von den standardisierten Mehrwegflaschen getrennt werden, die Landskron wie andere mittelständische Unternehmen abfüllt. Auch die Bergquell-Brauerei in Löbau hat ihre Anlage für 80 000 Euro umgerüstet, um Fremdflaschen noch besser erkennen zu können.

»Wir mussten fünf Mitarbeiter mehr einstellen, die nur Flaschen aussortieren«, berichtet Stefan Bittner, Geschäftsführer der Braustolz GmbH in Chemnitz. Damit nicht genug: Das spezielle Leergut muss zu der Brauerei zurück, die es auf den Markt gebracht hat. Mittlerweile gebe es Fremdfirmen, die diese Arbeit zum Tausch durch ganz Deutschland übernähmen - für rund vier Cent pro Flasche, erklärt Bittner. »Auch eine zusätzliche finanzielle Belastung.« Der Braustolz-Chef hofft darauf, dass die Politik ein höheres Pfand für Individualflaschen verhängt. »Der Sinn von Mehrwegflaschen ist ja, dass sie jeder wiederverwenden kann.« Der Sächsische Brauerbund, in dem elf mittelständische Betriebe der Branche im Freistaat zusammengeschlossen sind, hat deshalb unlängst ein »Memorandum zur Erhaltung eines umweltverträglichen Mehrwegsystems« verabschiedet.

Änderung nicht in Sicht

Im Memorandum heißt es: Ein differenzierter Pfandwert könnte schon im Handel zu einer weitestgehend sortenrein getrennten Erfassung sogenannter Pool- und Individualflaschen führen.

Der Deutsche Brauer-Bund kommentierte den Vorstoß aus Sachsen diplomatisch zurückhaltend. »Die Frage, welche Flasche eingesetzt wird, ist Teil der unternehmerischen Produktpolitik«, sagt Hauptgeschäftsführer Peter Hahn. Die deutsche Brauwirtschaft setze auf die 0,5-Liter-Einheitsflasche, von denen etwa eine Milliarde im Umlauf seien. Der Verband entscheide nicht in Wettbewerbsfragen. Er treibe vielmehr aktiv die Standardisierung weiterer Flaschentypen voran, die »gespaltene Pfandsätze« entbehrlich mache.

Das Umweltministerium in Dresden macht den Mittelständlern der Branche trotz ihres Protestbriefes nur wenig Hoffnung. Eine Veränderung des Mehrwegsystems sei unter anderem etwa über eine Bundesratsinitiative denkbar, erklärte ein Sprecher. »Eine solche anzustoßen, ist zur Zeit aber nicht geplant«, heißt es. Allein auf Landesebene könne man nur wenig ausrichten.