Von Volkmar Draeger
23.05.2012

Intime Sinneseindrücke

Die Galerie der Berliner Graphikpresse zeigt Edmund Kestings Spätwerk

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Ausschnitt des Werkes Lichtspiegelung von Edmund Kesting

Sein Künstlerleben war eher Kampf um Anerkennung als Siegeszug, flankiert nicht von öffentlichen Preisen, dennoch erfolgreich und konsequent in der Suche nach neuen Ausdrucksweisen. »Tanz der Darßbuchen«, den Titel einer farbigen Zeichnung um die Mitte der 1960er aufnehmend, nennt die Galerie der Berliner Graphikpresse ihre Ausstellung zu Edmund Kesting und zeigt 31 seiner späten Arbeiten, was das Doppeljahrzehnt zwischen 1950 und seinem Todesjahr 1970 meint.

In Dresden wurde Kesting 1892 geboren, besuchte dort die Kunstgewerbeschule, musste ab 1915 Kriegsdienst leisten, setzte danach sein Studium fort, gründete eine private Kunstschule und schuf konstruktivistische Bilder. Conrad Felixmüller, Kurt Schwitters, William Wauer zählten zu seinen Weggefährten, El Lissitzky suchte ihn für die Mitarbeit am Bauhaus Dessau zu gewinnen. Das Museum of Modern Art in New York erwirbt Schnittcollagen von Kesting, er beginnt sich der Fotografie zuzuwenden. Als die Nazis seine Schule schließen, seine Arbeiten aus Museen entfernen, ihm Malverbot erteilen, wird die Fotografie zum Lebensretter: Die Kunstwerke des Grünen Gewölbes dokumentiert er fotografisch.

Nach 1945 startet er mit der Gründung einer Künstlergruppe den Neubeginn, büßt im Zug der Formalismus-Debatte ein Lehramt ein, zieht nach Birkenwerder, geht an die Berliner Hochschule für angewandte Kunst, verliert auch dieses Lehramt. Die Deutsche Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam beruft ihn, er sucht mit seiner »chemischen Malerei« die Verbindung zwischen Kunst und Fotografie. Sommers im Haus zu Ahrenshoop, winters in Birkenwerder, so schafft er kontinuierlich, erlebt Ankäufe und Ausstellungen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand er kaum je, konnte unbehelligt arbeiten. Was dabei entstanden ist, bündelt die kleine Schau in der Graphikpresse.

Was sie zeigt, sind eher ungegenständliche Werke voll persönlicher Sinneseindrücke der Ostseelandschaft, wie sie vom Betrachter nicht nachprüfbar, wohl aber zu genießen sind. Da schwebt auf einer der beiden ältesten Arbeiten von 1950 »Der Fisch« grünlich zwischen Luftblasen, bricht sich in »Luftspiegelung« die Sonne Bahn. Diese flirrende »chemische Malerei« lässt Fotosubstanzen über einen längeren Zeitraum auf lichtempfindliches Papier wirken. Auch wenn Kesting mit Öl auf Papier malt, wie bei den »Buchen im Stechlin«, erreicht er im Gewirr kahler Stämme und mit einem Wurzelstumpf von fantastischer Gestalt nahezu gespenstische Farbigkeit. Die Perspektive löst er dabei fast durchgängig in die Fläche auf, erzielt so eher Raster denn Tiefenschichtungen.

Oft scheint sich auf seinen Werken die Linie bis ins Unendliche zu winden, spiralig zu verschlingen, dicht zu schichten, etwa in »Blau-grüne Variante«, die schon im Namen jeden Bezug zur Realität vermeidet. Besonders interessante Gebilde entstehen, wenn Kesting auf Krepppapier malt und dessen wellige Struktur als Gestaltungselement einbezieht. Leuchtende Farbeindrücke vermitteln so in ihrem Nebeneinander die »Buchen im Frühling«, in Waldmeistergrün, Pink, Wasserblau; der »Darß« erscheint mit seinen züngelnden Landflecken wie aus der Draufsicht. Als eines der schönsten Beispiele auf Krepp steht »Erwachen«, eine Art Morgenstimmung in angenehmem Grün und Gelb, Orange und Blau; pointillistisch fällt der »Sonnenaufgang« aus: als Komposition mit gepunkteter Sonne über sich aufschwingender Landschaft.

Unter den kleinen Formaten, häufig farbige Zeichnungen, wie sie Bäume lediglich mit einhüllender Linie oder schuppiger Rinde, blubberndes, gurgelndes Meeresblau, Fische auf einem Netz von Stromlinien darstellen, fallen besonders die »Spaziergänger am Ufer (Darß)« ins Auge: Auf braunem Stoff oder Fußbodenbelag mit grober Textur ringen Gelb und Rot wie im Tanz miteinander. Auf den größeren Formaten scheint das Licht durch düstere, knorrige Bäume; reiten mit beinah naivem Gestus frontal Schiffchen auf Wellen, als seien sie dort aufgeklebt; ragen spitz Darßbuchen auf, Weiß auf gelbem Grund, Gelb auf rosa Grund. Wie dichter Raureif überwuchert auf Hartfaserplatte dickes Weiß die letzten Reste von Grün. Imponiert der »Tanz der Darßbuchen« durch den Schwung der Linien, so dürfte »Weißer Sichelmond« von 1970 zu den letzten Arbeiten rechnen: Mond, Sonne, Bäumchen separat aus Punkten und karg in ihrer Reduktion.

»Tanz der Darßbuchen«, bis 8.6., Galerie der Berliner Graphikpresse, Gabelsbergerstr. 6, Friedrichshain, Telefon 42 01 24 40, www.galerie-berliner-graphikpresse.de

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