23.05.2012
Meine Sicht

Mandat

Klaus Joachim Herrmann über zwei Zählweisen der SPD

Krisen oder wenigstens konkurrierende Bewerbungen für Ämter in einer Partei fördern eine zuweilen merkwürdige Dialektik zutage. Nicht nur in der Bundes-LINKEN, sondern auch in der Landes-SPD. In Berlin hat der Kandidat Müller bei den Mitgliedern offenbar bessere, auf einem Parteitag hingegen schlechtere Aussichten. Bei seinem Gegenkandidaten Stöß ist es umgekehrt. So versucht sich also jeder dorthin zu retten, wo er die besten Resultate erhoffen kann - der eine in die Mitgliederbefragung, der andere auf den Parteitag.

Der Widerspruch ist offenkundig. Er wird aber doch eher als selbstverständlich hingenommen. Das Problem besteht doch wohl darin, dass die Delegierten eines Parteitages den Willen der so gern und so viel zitierten Basis zu vertreten haben. Deshalb werden sie ja gewählt - sogar vielleicht, weil sie es am besten können. Wenn die Mitglieder einen bestimmten Willen haben, dann sollten sie doch just den bestimmen, der ihn am besten vertritt.

Tun sie aber nicht. Denn, siehe oben, hat die Mitgliederschaft den einen Willen, ihre Vertreterschaft aber genau den gegenteiligen. Warum sonst würden die Mitglieder bei einer Befragung wohl den einen und ihre Delegierten auf dem Parteitag aber den anderen Kandidaten bevorzugen? Da stimmt wohl, frei nach Loriots Frühstücksei, mit dem Mandat was nicht.