Von Heidi Diehl
26.05.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Reise zum steinreichen Nabel Deutschlands

Ein Gewinner des 10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerbs fährt mit Begleitung für vier Tage ins Fichtelgebirge

Keine Ahnung, ob sich irgendwo in den Wäldern zwischen Ochsenkopf und Schneeberg Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Sicher aber ist, dass man dort - ein wenig Glück vorausgesetzt - Luchs, Auerhahn oder andere seltene Tiere antreffen kann. Das Fichtelgebirge - grob gesagt, die Region zwischen Hof und Bayreuth - kann man ohne zu übertreiben zu den Regionen Deutschlands zählen, wo die Natur bis heute Überraschendes für Menschen mit offenen Sinnen bereithält. Sie ist steinreich wie keine andere zwischen Nordsee und Alpen, 90 Prozent aller weltweit vorkommenden Gesteinsarten findet man hier. Auf 380 Quadratkilometern, fast der Hälfte des Fichtelgebirges, dominiert der Granit die Landschaft. Er liegt wie übereinandergestapelte riesige gefüllte Säcke in der Landschaft, geformt durch einen jahrtausendlangen Verwitterungsprozess. Am beeindruckendsten kann man das bei einer Tour durch das größte Felsenlabyrinth Europas bei Wunsiedel erleben.

Bescheidenheit war im Fichtelgebirge nicht die Tugend der Zeit, als sie diese Naturlandschaft prägte. Und auch nicht der Menschen, die sie sich zunutze machten. Wohin man schaut, beeindruckende Superlative: Im Mittelalter avancierte die Region dank seines riesigen Gesteins- und Mineralienvorkommens zum bedeutendsten Bergbaugebiet Europas. Das fand im Dreißigjährigen Krieg zwar sein Ende, doch Anfang des 19. Jahrhunderts übernahm die Porzellanherstellung dieses Erbe. Heute produzieren die etwa 20 Unternehmen mehr als 80 Prozent des gesamten Gastronomieporzellans Deutschlands. Darunter sind so renommierte Firmen wie »Hutschenreuther« und »Rosenthal«.

Wussten Sie eigentlich, dass das Fichtelgebirge der Nabel Deutschlands ist? Das verdankt es vier bedeutenden Flüssen, die hier entspringen und in alle vier Himmelsrichtungen abfließen: die Saale nach Norden, die Eger nach Osten, die Naab nach Süden und der Main nach Westen.

Die Region ist nichts für eilige Leute. Denn die bekommen schnell ein Problem, ist doch überall so viel zu entdecken, dass man, ob man will oder nicht, einfach »hängen bleibt«. Was natürlich ganz im Sinne der Touristiker, Hoteliers und Gastronomen ist.

Beispielsweise von Edda und Gustl Pöllath, die inmitten der Naturidylle, im kleinen Örtchen Brand, ihren Gasthof mit Pension »Waldfrieden« betreiben. Der Name ist Programm, versprechen die Wirtsleute, die sich schon darauf freuen, einen Gewinner des nd-Lesergeschichten-Wettbewerbs in ihrem Haus begrüßen zu können. Gemeinsam mit Partner oder Partnerin kann sie/er hier vier Tage lang bayerische Gastfreudschaft genießen. Und wenn sie dann irgendwann zu fortgeschrittener Stunde einer leibhaftigen Kräuterhexe begegnen sollten, muss das nicht daran liegen, dass sie zu viel von den »Sechsämtertropfen« genascht haben, den der aus dem benachbarten Wunsiedel stammende Pharmazeut Gottlieb Vetter vor über 100 Jahren erfand. Die Pension beschäftigt tatsächlich eine eigene Kräuterhexe, Edda Pöllath wird das gern bestätigen.

Sie ist auch kompetente Ansprechpartnerin, wenn es um die Auswahl der besten und geeignetsten Wandertouren geht. Denn die Auswahl ist riesig, insgesamt bietet das Fichtelgebirge ein rund 3000 Kilometer umfassendes Wanderwegenetz. Allein 425 Kilometer lang ist der »Fränkische Gebirgsweg«, der das Fichtelgebirge mit drei weiteren Regionen, dem Naturpark Frankenwald, der Fränkischen Schweiz und der Frankenalb verbindet. Mehrere Themenwanderwege erinnern an berühmte Besucher, wie Johann Wolfgang von Goethe, oder ebenso berühmte Einheimische, wie den in Wunsiedel geborenen Jean Paul. Letzterem ist ein 200 Kilometer langer Weg gewidmet, den mehr als 150 Tafeln mit Aphorismen des Dichters säumen. Beispielsweise der, der zum 10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb wie der Deckel zum Topf passt: »Das Leben ist wie ein Buch, und wer nicht reist, liest nur ein wenig davon.«

Nehmen Sie den Großmeister der Aphorismen beim Wort, und folgen Sie ihm doch mal in seine Heimat. Sie müssen ja nicht bis zum nächsten Jahr, wenn Jean Paul 250 Jahre alt geworden wäre, warten. Und wenn Sie kein Wandersmann sind, erschließen Sie sich die Landschaft per Velo, beispielsweise mit einem E-Bike, dass Sie bei Pöllaths ausleihen können. Es muss ja nicht gleich eine Tour auf dem 600 Kilometer langen Main-Radweg, der von der Quelle des Flusses bis zur Mündung in den Rhein führt.

Wer will, kann auch in Deutschlands erstem Zipline-Park, gut gesichert vom Ochsenkopf aus, an einem zwei Kilometer langen Seil rasant hinunter ins Tal gleiten. Wenn dann irgendwann der Körper nach Ruhe schreit, besuchen Sie entweder die älteste deutsche Naturbühne in Wunsiedel, die seit 1914 professionell bespielt wird - oder setzen Sie sich einfach an einen der gemütlichen Wirtshaustische im »Waldfrieden« und genießen »dahoam a Mass«.

Infos zur Region: www.tz-fichtelgebirge.de; Pension »Waldfrieden«: www.gasthof-pension-waldfrieden.com