Udo Bartsch
26.05.2012

Rivalität und Liebe

JUGENDBUCH

Nicht immer ist die erste Idee auch die beste: Nachdem die Sozialbehörden beschließen, Vicky, Rihanna und Jamie auf verschiedene Pflegefamilien aufzuteilen, reißen die drei Geschwister einfach aus. Sie wollen sich zu ihrer Großtante Irene durchschlagen. Doch das ist nicht nur ein Fußmarsch von mehreren Tagen. Obendrein besitzen die Flüchtlinge kaum Geld und haben seit Jahren nichts mehr von ihrer Verwandten gehört.

Als Einzige überblickt die 14-jährige Vicky Tragweite und Gefahren des Vorhabens. Auf ihr lastet die volle Verantwortung. Ihre kognitiv beeinträchtigte Zwillingsschwester Rihanna und der erst zehnjährige Jamie sind wie Klötze am Bein. Nach anfänglicher Begeisterung reagieren sie in kritischen Situationen zunehmend frustriert und erwarten von Vicky eine Lösung. Und kritische Situationen gibt es zuhauf: als der Proviant ausgeht, als Hunde sie angreifen, als Rihanna aus Trotz davonläuft und als sich schließlich herausstellt, dass Großtante Irene längst tot ist.

Das Abenteuer im England der Gegenwart liest sich nicht weniger spannend als ein Fantasyschmöker. Der Mut der Kinder rührt an, und besonders gelungen sind die Charakterzeichnungen. Abwechselnd wird aus Rihannas und Vickys Perspektive erzählt.

Dieser Kunstgriff gestattet, beide Hauptfiguren sowohl mit der Innen- als auch der Außensicht kennen zu lernen. Die gesamte Bandbreite geschwisterlicher Gefühle von Neid und Rivalität bis hin zu Zusammenhalt und Liebe wird glaubhaft in Szene gesetzt.

Laura Summers, Der Tag, an dem wir wegliefen, dtv junior, 272 Seiten, 14,95 Euro (ab 11 J.)

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