Von Walter Schmidt
26.05.2012

Kriechende Schmetterlinge des Meeres

Die raffinierten Überlebenstricks der farbenfrohen Hinterkiemer-Schnecken

Wenn sich Wissenschaftler für Löwen begeistern oder für Papageien, ja selbst für den schon reichlich exotischen Grottenolm - das kann man alles sofort verstehen. Aber Hinterkiemer-Schnecken? Wenn Heike Wägele ihre Faszination für die »Opisthobranchia« - so der lateinische Ordnungsname - erklären soll, verweist sie zuerst auf die Schönheit und Formenvielfalt der Weichtiere, von denen es rund 6000 verschiedene Arten gibt. Besuchern im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn zeigt die Wissenschaftlerin begeistert Fotos der »Schmetterlinge des Meeres«, die nicht nur in vielen Farben schillern, sondern auch in allen Ozeanen und Meerestiefen vorkommen.

Ihre Größe variiert ebenfalls immens: Da gibt es ein bis zwei Millimeter kleine wurmartige Winzlinge, die im Bodensand leben, und Giganten wie die bis zu einem Meter lange Aplysia california im Ostpazifik. Alle Hinterkiemer sind Zwitter, und ihre Atmungsorgane liegen hinter dem Herzen - daher auch ihr Name. Allerdings handelt es sich meist nicht um herkömmliche Kiemen. In der Regel atmen die Schnecken gleich durch die Haut oder durch fadenartige Anhänge am Rücken.

Spannend sind jedoch vor allem die Überlebenskünste der Weichtiere. Verglichen damit sind Löwen, die im Wesentlichen rennen und zubeißen können, wenn sie nicht gerade pennen, ziemlich langweilig. Da die Hinterkiemer weder zu den wehrhaften Kraftprotzen zählen noch bei Gefahr schnell das Weite suchen können, musste sich die Natur für sie andere Tricks einfallen lassen. »Die Evolution dieser Abwehrmechanismen ist unser Forschungsschwerpunkt«, sagt Wägele.

Der augenfälligste Kniff hat die Zoologin schon als Jugendliche begeistert: die Farbenpracht der Hinterkiemer-Schnecken. Die Liebe Wägeles zum Meer war schon früh entstanden, nachdem sie als Elfjährige mit dem Vater und ihren beiden Geschwistern im Mittelmeer zu tauchen begann. Zunächst mochte sie lieber Gehäuseschnecken, deren Kalkgebilde sie zu Hause »schön sortierte«. Aber schon damals hat sie auch Nacktschnecken gesehen, »und mit 17 oder 18 habe ich sie gezielt gesammelt«, erinnert sich die Zoologieprofessorin.

Mit schrillen Farben und gefleckten oder gebänderten Hautmustern schrecken die Schnecken einerseits manche Fressfeinde ab - ähnlich wie der knallrote Fliegenpilz. Manche Feinde hingegen können die Schneckenkörper ausgerechnet wegen der bizarren Färbung nicht oder nur schwer erkennen, da die Farbmuster unter Wasser verschwimmen.

Ausgefeilter ist ein zweiter Abwehrtrick, der sich so umschreiben lässt: Wer selber keine Waffen herstellen kann, der muss sie eben fressen. So verfährt zum Beispiel Drummonds Fadenschnecke, die auch in Ost- und Nordsee vorkommt. Sie ernährt sich vorwiegend von Quallen, Korallen und anderen Nesseltieren, deren giftpfeilähnliche Nesselzellen sie abwehrbereit in die Spitzen ihrer fadenförmigen Körperanhänge einlagert. Möglich ist dies, weil Ausläufer der Mitteldarmdrüse in die Anhänge der Schnecke hineinragen, wodurch sie für Fressfeinde ungenießbar wird.

Gewitzt erscheint auch die Lebensweise der Sackzüngler oder Schlundsackschnecken. Mit ihrer Raspelzunge reißen sie Algen auf und saugen die Pflanzenzellen aus. Dabei verleiben sie sich nicht nur Giftstoffe aus den Algen ein, um damit künftig Feinde abzuwehren, sondern auch die Chloroplasten - jene Zellorgane, in denen die Algen mithilfe des grünen Pflanzenfarbstoffs aus Sonnenlicht Zucker und andere Nährstoffe erzeugen. So versorgen sich die Schnecken nicht nur mit Kraftstoff. »Sie schimmern dadurch auch selber grün«, sagt Wägele - auf Algen eine gute Tarnung. Da die winzigen Solarkraftwerke nur etwa einen Monat lang in den Schnecken überleben können, müssen die Hinterkiemer immer wieder für Nachschub sorgen.

Die im tropischen Westpazifik und Indischen Ozean lebende Art Plakobranchus ocellatus wiederum hält sich ihre grünen Energielieferanten in Körperfalten, die sie beliebig weiten oder verengen kann. Forscher nehmen an, dass die Schnecke so die Lichtzufuhr exakt steuern kann, um die Chloroplasten optimal arbeiten und möglichst lange in sich überleben zu lassen.

Wie sie das macht, »interessiert uns sehr«, sagt Heike Wägele. Eine frühere Vermutung von US-Forschern, wonach das Weichtier Erbmaterial aus den gefressenen Chloroplasten in ihr eigenes Erbgut einbaue, stimmt nach Ansicht der 53-Jährigen nicht. »Wir haben mittlerweile nachgewiesen, dass das nicht der Fall ist«, sagt sie entschieden.

Die Überlebenskünste der Hinterkiemer-Schnecken sind jedenfalls beachtlich. Sie können die aus Algen aufgenommenen Giftstoffe nämlich nicht nur als Abwehrwaffen nutzen, sondern sie noch wirksamer machen - wie kleine Chemie-Reaktoren. Manche Giftstoffe hemmen auch das Wachstum von Bakterien, die den Schnecken zusetzen könnten.

Selber gefressen werden die Hinterkiemer nur selten, weshalb sie »an der Spitze der Nahrungskette stehen«, sagt die Bonner Forscherin. Zusetzen kann ihnen am ehesten der Mensch und tut dies leider auch nach Kräften - zum Beispiel, indem er die Meere verschmutzt und mit Nährstoffen überfrachtet und außerdem das Klima anheizt. Durch all das schädigt er die Korallen, auf welche viele der Schnecken angewiesen sind.

»Wenn die Hinterkiemer verschwänden, würden wir Menschen es vermutlich gar nicht bemerken«, nimmt Heike Wägele an. Doch bekanntlich wird das Ausmaß eines Verlustes erst spürbar, wenn es zu spät ist.