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Von Gunnar Decker
26.05.2012

Absprung ins andere Leben

»Liliom« von Franz Molnar am Berliner Ensemble

Die Paradiese der kleinen Leute sind bei näherer Betrachtung nur Vorposten der Hölle. Erbarmungswürdige und doch abstoßende Menschen auf der Suche nach einem Sonderangebot von schnellem Glück. Flackernde Herzen aus roten Glühlampen. Jahrmarkt war gestern, heute ist Fortschritt: Das Vergnügen wird automatisiert. Der Vorstadtmensch verliert sich im Lunapark. Die Welt ein Rummelplatz, wo man nur im Kreis fährt und das auch noch billig. Oder, etwas gegenwärtiger ausgedrückt: Die Casting-Show ist für alle da - dieser Absprung ins andere Leben, das leicht und schön zu werden verspricht.

Von einem »Edelschmarren« sprach Alfred Kerr. Er hatte »Liliom« von Franz Molnar 1922 am Berliner »Theater am Kurfürstendamm« gesehen und dachte an »Kitsch und Genie«. Mona Kraushaar hat es nun am Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht - und man assoziiert sofort Döblins »Berlin Alexanderplatz« oder Brechts »Dreigroschenoper«.

Auch Verlierer haben gierige Träume. Molnar hatte seinen »Liliom« 1909 in Budapest spielen lassen, erfolgreich wurde es aber erst, als Alfred Polgar das Stück übersetzte - und nach Wien verlegte. Da passt es ja auch hin, auf diesen Vorposten eines Zeitgeistes, der billige Träume in hochwertigen Geschenkverpackungen darzubieten versteht. Kaum zu glauben, dass »Liliom« über 100 Jahre alt ist: die Käuflichkeit des Glücks als »Edelschmarren« für den Boulevard, das trägt immer noch eine in die Irre gehende Erlösungserwartung in sich.

Julie (auf eindringliche Weise schlicht: Larissa Fuchs) träumt einen Mädchentraum. Der Ausrufer da, der lebende Lautsprecher vom »Ringelspiel«, ist der Schwarm dieser Vergnügungsparkgläubigen. Liliom ist ein rüder Mensch mit Cowboycharme, aber ohne echten Ehrgeiz auch im Bösen, ein Gelegenheitsschläger, der gern für hart gilt, aber am liebsten seine Ruhe hat. Arbeit ist ihm eine nicht hinnehmbare Form der Selbsterniedrigung. Eigentlich heißt er Zavoczki und gilt als »Hendelfänger großen Stils«. Die Hühner, die er fängt, sind allesamt aus Landeiern geschlüpfte Dienstmädchen, die hier für Stunden das Abenteuer suchen.

Johannes Krisch als Liliom hat diesen ramponierten Rodeo-Lack, der immer weiter abblättert - was ihn nervös macht. Und da ist nun dieses einfältige, naiv-zutrauliche Mädchen Julie, das sich so bedingungslos an ihn hängt, dass es selbst den ewigen Lautsprecher Liliom ab und zu stumm macht. Aber wenn er nicht mehr Herr der großen Worte ist, muss er eben zuschlagen, schon aus Verlegenheit.

Die Bühne von Katrin Kersten ist dabei glücklicherweise frei von allem Jahrmarkts- und Kleine-Leute-Inventar, da ist nur schwarzer Boden, auf dem einige Autoreifen den Highway ins Nichts andeuten. Etwas violette Lichtreklame im Hintergrund genügt, um Beklemmungen zu erzeugen. Die Seele tiefgekühlt und zum Sonderpreis angeboten?

Aber Julie ist kein bloßes Opfertier, die dem Macho Liliom hörig ist, sondern sie ist jederzeit entschlossen. Das irritiert. Und als dann Liliom mit seinem hässlichen Alter ego Ficsur (großartig als seelenloses Vieh, dämonisch, aber zugleich kalt-rational: Georgios Tsivanoglou) auf Raubmord ausgeht, misslingt das - und Liliom ersticht sich selbst mit dem gestohlenen Küchenmesser.

Für die nun folgende dramaturgische Wendung ist Molnar berühmt geworden. Denn aus der herben Sozialgroteske wird ein Märchen: Liliom steht im Himmel, aber auch dort gibt es eine Polizei. Er bleibt oben der, der er unten war, eigensinnig-großmäulig bis zur Selbstschädigung. In dieser Abwesenheit aller Reue liegt wohl die identifikationsstiftende Kraft von Liliom, der zwar ein blöder Kerl ist, aber eigentlich kein schlechter Mensch. An so einem wie ihm erwachen heutzutage Sozialarbeiterträume. Und Julie? Sie ist keinem Helfersyndrom verfallen, als sie zu Liliom zog und nun, da er tot ist, ihre gemeinsame Tochter allein großzieht. Da bleibt etwas unerklärlich - Liebe?

Nach sechzehn Jahren Fegefeuer darf Liliom für einen Tag zur Erde zurück, falls er dort noch etwas Wichtiges zu tun habe ... Er kommt zu Julie und seiner Tochter Marie (Anne Schirmacher) in Gestalt eines Bettlers, genau an dem Tag, da sie ihren sechzehnten Geburtstag feiert: bescheiden, doch mit Freude. Er bleibt abseits, wird bewirtet, aber nicht erkannt und geht, nachdem er - er kann eben nicht aus seiner Haut - Marie noch einen Schlag (den sie gar nicht spürt) versetzt hat.

All das ist im Stil eines distanzierten Bilderbogens inszeniert - und dieser Zugang überzeugt durchaus, weil er nicht versucht, vordergründig psychologierend etwas zu erklären, was es nur als Mysterium anzuschauen gilt. Das Leben ist eben doch ein einziger Rummelplatz, auch dann, wenn sich kein Karussell mehr dreht.

Nächste Aufführung: 31. Mai

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