Von Fabian Lambeck
26.05.2012

Das etwas andere Wahlkreisbüro

Zwei junge Landtagsabgeordnete der LINKEN betreiben in Erfurt das RedRoXX

Das Erfurter Wahlkreisbüro der beiden LINKEN-Landtagsabgeordneten Susanne Hennig und Matthias Bärwolff hat nicht nur einen merkwürdigen Namen. Im RedRoXX läuft generell einiges anders. Der Laden steht vor allem Jugendlichen offen und ist fester Anlaufpunkt für die linke Szene der Thüringer Landeshauptstadt.
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Im Regal wacht Lenin über den Buchbestand.

»Vorsicht, da liegt ein Transparent!« - kaum hat sich die automatische Tür des Büros geöffnet, steht der nd-Reporter auch schon auf dem am Boden liegenden Spruchband. Doch die Farbe ist bereits trocken. So bleibt der Fehltritt ohne Folgen. Wer kann auch ahnen, dass auf dem Fußboden eines Wahlkreisbüros Protestplakate gemalt werden. Doch mit solchen Überraschungen muss rechnen, wer das offene Jugendbüro der beiden Thüringer Landtagsabgeordneten Susanne Hennig und Matthias Bärwolff betritt. »Derzeit bereiten wir uns auf die Demo gegen Thilo Sarrazins Lesung in der Alten Oper vor«, erklärt mir Hennig später bei einer Tasse Tee.

Politbetrieb und Jugendtreff

Zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Matthias Bärwolff betreibt sie das Büro im Herzen der Erfurter Altstadt. Bereits kurz nach ihrem erstmaligen Einzug ins Parlament eröffneten die beiden jungen Genossen im Oktober 2004 dieses ungewöhnliche Wahlkreisbüro und nannten es RedRoXX. Der Treffpunkt, so war den beiden Initiatoren klar, sollte möglichst zentral in der Erfurter Innenstadt liegen und groß genug sein, um Veranstaltungen durchführen zu können. So kam man auf die leerstehenden Räume in der Pilse 29 - nur einen Steinwurf entfernt vom Erfurter Anger, dem Einkaufszentrum der Stadt. Die großzügigen und zentral gelegenen Räume sind mittlerweile ein fester Anlaufpunkt für die linke Szene der Landeshauptstadt.

Die Idee, das eigene Wahlkreisbüro in einen offenen Treffpunkt zu verwandeln, stammt aus Leipzig. Das dortige »LinXXnet« der PDS eröffnete bereits im Jahr 2000. »Uns war klar, dass wir so etwas in Erfurt auch brauchen«, erinnert sich Hennig. Das Konzept hat sich durchgesetzt: Heute betreiben Politiker der LINKEN bereits eine ganze Reihe solch offener Wahlkreisbüros.

So gibt es die Dresdener WIR AG von Katja Kipping und der sächsischen Landtagsabgeordneten Julia Bonk. In Zwickau firmiert so ein Büro unter dem Namen Politkontor, und in Markleeberg unterhält die sächsische Landtagsabgeordnete Heike Werner das »MarXXim«. Nicht immer steht bei diesen Projekten die Jugendarbeit im Vordergrund. Wenn man so will, dann sind diese derzeit nur im Osten beheimateten Büros so etwas wie der Versuch, den bedrohten Status der LINKEN als »Kümmerpartei« wiederzuerlangen. Ins RedRoXX kommen auch junge Leute mit ganz normalen Sorgen und Problemen. Man kümmert sich um irdische Nöte. Neben allgemeiner Sozial- und Rechtsberatung wird bei Bedarf auch Einzelfallhilfe angeboten. Klassische Parteiarbeit steht hier nur selten im Vordergrund. Vielmehr sieht man sich als Vermittler zwischen Linkspartei und Gesellschaft.

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Auf der Toilette bekennt man sich zu Marx.

Damit der Betrieb trotzdem reibungslos funktioniert, ist der Büroalltag streng geregelt. Am Vormittag erledigen die drei Mitarbeiter anfallende Büroarbeit. Nachmittags wird das RedRoXX dann zu einem offenen Treffpunkt für jüngere Erfurter. Hier gibt es einen Kopierer, den Schüler und Studenten umsonst nutzen können. Gleich mehrere Computer mit Internetanschluss stehen in einer Ecke, und am kleinen Tresen gibt es Kaffee und Tee.

Zwei Couchecken, ein großer Sitzungstisch und eine kleine Bibliothek komplettieren die Einrichtung. Offiziell schließt das RedRoXX zwar um 19 Uhr, doch oftmals finden hier abends Veranstaltungen statt: Über 600 waren es bisher. Die Bandbreite reicht vom politischen Filmabend über Lesungen bis hin zu Ausstellungen über rechte Gewalt. Auch am heutigen Abend bleibt das RedRoXX länger auf, weil die einst im Büro gegründete Hochschulgruppe tagt.

Der Laden steht und fällt natürlich mit dem Landtagsmandat von Hennig und Bärwolff. »Wenn es 2009 nur einer von uns nicht ins Parlament geschafft hätte, dann gäbe es den Laden wohl nicht mehr«, erzählt Susanne Hennig. Doch da die studierte Pädagogin ein Direktmandat eroberte und Matthias Bärwolff einen der vorderen Listenplätze bekam, ist die Existenz des RedRoXX zumindest bis 2014 gesichert. Dann wird in Thüringen wieder gewählt.

Das RedRoXX ist für die beiden eine Herzensangelegenheit, in die sie auch eigenes Geld stecken. Da die Büropauschale, die der Landtag seinen Abgeordneten zahlt, nicht reicht, um alle Kosten zu decken, legen die beiden privat noch was drauf. »Sonst könnten wir den Betrieb hier nicht aufrecht erhalten«, so Bärwolf.

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Die Abgeordnete 
Susanne Hennig (links) 
im Gespräch mit einem RedRoXX-Mitarbeiter.

Ganz problemlos ist die politische Arbeit natürlich nicht. »Das Desinteresse der Jugendlichen an Politik hat zugenommen«, meint Matthias Bärwolff, der kinderpolitischer Sprecher der Linksfraktion ist. Es sei zwar mehr ein Desinteresse an Parteien und Politkern, doch trotzdem werde es immer schwerer, junge Leute dauerhaft zu binden, so Bärwolff. Das RedRoXX hat auf diese Entwicklung reagiert und macht auch niedrigschwellige Angebote. So organisiert man einmal im Jahr ein großes Straßenfußballturnier oder bietet Karaoke-Abende für Kids an. Im RedRoXX stellt man den jungen Gästen keine Bedingungen. »Wer uns spannend findet, wird irgendwann auch Mitglied«, hat Bärwolff beobachtet. Es geht nicht um die Akquise neuer Parteimitglieder, sondern die politische Sozialisation junger Menschen.

Oft sind es bestimmte Ereignisse und Probleme, die Jugendliche dazu bringen, sich politisch zu engagieren. Sie haben ein konkretes Ziel. Auf theoretische Diskussion lässt sich hingegen kaum jemand ein. Was zieht, sind etwa Bildungsstreiks oder eben der Kampf gegen Neonazis.

So blieb der Laden in der Pilse natürlich auch den Rechten nicht verborgen. »Einige Vorfälle gab es hier schon«, erinnert sich Susanne Hennig. Mal wurden die Scheiben eingeworfen, mal standen militante Autonome Nationalisten in der Tür. Richtig brenzlig wurde es jedoch, als eines Tages etwa 30 rechtsradikale Hooligans des Erfurter Fußballclubs Rot-Weiß vorm Büro standen. Nur weil ein Mitarbeiter schnell reagierte und die schweren Jalousien vor der Eingangstür herunterließ, blieb es bei einigen Sachschäden.

Drohgebärden von Erfurter Nazis

Das RedRoXX ist den Rechten ein Dorn im Auge, dies zeigt auch die aktuelle Ausgabe der lokalen NPD-Zeitung. »Den linken Meinungsdiktatoren die Stirn zu bieten«: Dieser unmissverständliche Aufruf findet sich in der braunen Hetzpostille. Der Artikel ist mit einem Bild des RedRoXX und der dazugehörigen Adresse versehen. Dazu die Aufforderung, »das Domizil der Linksjugend« schnellstens »kennenzulernen«. In der Pilse befindet sich auch die Landesgeschäftsstelle der Linksjugend solid. Die NPD stört sich diesmal an den Protesten gegen einen Auftritt des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin. Das Team vom RedRoXX gehört zu den Initiatoren der Demonstration gegen den geistigen Brandstifter mit SPD-Parteibuch.

Zwischen den Demonstranten sieht man immer wieder die Büromitarbeiter des RedRoXX. Auch das Transparent, auf das der nd-Reporter eingangs trat, hängt mittlerweile gut sichtbar neben der Alten Oper, in der Sarrazin lesen soll. Viele der etwa 200 Gegendemonstranten waren bereits einmal zu Gast im RedRoXX. »Bei einigen bin ich mir sicher, dass sie ihre Sozialisation unserem Büro zu verdanken haben«, sagt Susanne Hennig und lächelt dabei. Und so müssen jene gut gekleideten Biedermänner, die unerkannt zur Lesung des Rechtspopulisten schleichen wollten, an den jungen Genossen vorbei. Wie unangenehm.

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