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Von Frank Thomas, dpa
26.05.2012

»Operation Risiko«

Nach dem durchwachsenen Auftakt geht es für die Turner bei den Europameisterschaften ab heute in die Finals

Nach seinem Wettkampf schüttelte er immer wieder den Kopf und zog die Stirn in Falten. Doch am Abend konnte Philipp Boy wieder lachen. Gut gelaunt schlenderte er mit seinen Teamgefährten über den Place de la Comedie in Montpelliers Altstadt. Trotz seiner Patzer hatte er den Sprung ins Reck-Finale bei den Europameisterschaften der Turner geschafft. »Das war wirklich ein kleines Wunder. Nie hätte ich gedacht, dass es noch reichen könnte«, gab er sich gelöst.

Trotz seines gravierenden Patzers beim Adler-Element und den kräftigen Punktabzügen hatte es für den Cottbuser am Ende der Qualifikation doch noch zu Platz acht gereicht. Da Titelverteidiger Epke Zonderland aus den Niederlanden bereits im Vorkampf zweimal abstürzte, dürfte Boy am Sonntag im Medaillenkampf die hochwertigste Übung des Feldes in petto haben. Damit scheint bei exakter Ausführung eine Medaille oder vielleicht sogar der Titel möglich. »Auf jeden Fall greife ich voll an. Ich bin jetzt heiß auf das Finale«, meinte der 24-Jährige.

Im offiziellen EM-Programm war der Lausitzer großformatig als »Golden Boy« vorgestellt worden. Er konnte aber noch nicht jene Rolle spielen, die er noch vor einem Jahr in Berlin als Mehrkampf-König innehatte - vor allem wegen seines kräftigen Trainingsrückstandes aufgrund von Verletzungen im Winter. Am Boden und Sprung schlichen sich heftige Fehler in seine Übungen ein. »Ich war richtig angefressen. Aber ich muss dazu stehen und will auch nichts unter den Teppich kehren«, sagte er. Nicht nur deshalb will der stabilste deutsche Turner der vergangenen zwei Jahre sich nun unbedingt rehabilitieren.

Einen Tag vor dem Reck-Finale will er aber mit der Mannschaft nach einer Medaille greifen. »Wir sind ein so hammergeiles Team. Ich bin sicher, da geht noch was«, meinte Boy, nachdem in der Qualifikation für Titelverteidiger Deutschland mit Platz vier nicht nur seine eigenen Pläne geplatzt waren. »Wenn wir hier zu 100 Prozent Topform gehabt hätten, wäre es der falsche Zeitpunkt. In diesem Jahr zählt nur Olympia«, bekräftigte Matthias Fahrig. Er ärgerte sich vor allem über seine verpatzte Angangsreihe am Boden, die ihn den Finalplatz kostete. »Aber jetzt wird am Sonnabend noch mal richtig Gas gegeben.«

Für Cheftrainer Andreas Hirsch war die Qualifikation die Bestätigung dafür, was er zuvor als »Operation Risiko« bezeichnet hatte. Man wolle hohe Schwierigkeiten präsentieren, ohne schon überall die nötige Stabilität nachweisen zu können. »Wir haben noch acht Wochen Zeit, da wird sich noch einiges tun. Jetzt müssen wir erst mal sehen, wie wir den Kopf aus der Schlinge kriegen«, sagte der Berliner. Schon im Teamfinale kann seine Riege beweisen, dass es vielleicht doch nicht so viele Baustellen gibt, wie man nach der Qualifikation befürchten musste.

Für jeden seiner fünf EM-Turner geht es am Wochenende noch einmal darum, sich für die Olympia-Riege zu empfehlen. Am Ende hat der Coach die Qual der Wahl, denn auch Fabian Hambüchen wird nach individueller Vorbereitung bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf am 16./17. Juni wieder ein Achtungszeichen setzen wollen.

Team, Qualifikation (1-8 im Finale)
1. Großbritannien 265,718 Punkte, 2. Russland 264,474, 3. Frankreich 263,687, 4. Deutschland (Boy, Krimmer, Nguyen, Fahrig, Spiridonov) 260,801, 5. Rumänien 257,327, 6. Weißrussland 256,935, 7. Ukraine 256,186, 8. Schweiz 254,513.

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