Von Christoph Ruf
26.05.2012

„Wir werden rechtzeitig in die Spur kommen"

Eine sichtlich erschöpfte deutsche Elf verliert mit 3:5 in Basel und beschert der Schweiz den ersten Sieg seit über 50 Jahren. Trainer Jogi Löw ist vor der anstehenden EM dennoch nicht bange.
Schon Minuten vor dem Abpfiff waren die fröhlichen Gesänge des Schweizer Publikums („Oh, wie ist das schön") deutlich lauter als die aufmunternden Parolen („Hopp, Schwiiz"). Die Mehrheit des Publikums ahnte bereits lange vor Abpfiff, dass der Schweizer Sieg gegen diese deutsche Mannschaft nicht mehr in Gefahr geraten würde. 5:3 siegte die von Ottmar Hitzfeld gecoachte Auswahl schließlich in einer Partie, das auch dank der vielen Fehler vor allem im deutschen Spiel immerhin ausgesprochen kurzweilig war. Der Schweizer Sieg war der erste seit 1956.

DFB-Teamchef Joachim Löw wollte dann auch gar nicht nach Ausreden für den schwachen Auftritt suchen, erwähnte dann aber doch, „dass wir in den letzten Tagen und Wochen viel trainiert haben." Dementsprechend müde seien seine Mannen gewesen. „Wir werden uns in den nächsten Tagen verbessern und rechtzeitig in die Spur kommen."

Am kommenden Dienstag wird Löw bekanntlich festlegen, wer die vier Spieler sind, die kurz vor knapp noch aus dem erweiterten EM-Kader gestrichen werden. Das Spiel gegen die für die Europameisterschaft nicht qualifizierten Schweizer hatte dann auch primär den Zweck, dem Trainerteam letzte Aufschlüsse über die Wettkampftauglichkeit einiger Wackelkandidaten zu liefern – zumal die Nationalspieler des FC Bayern nach dem Champions-League-Finale Sonderurlaub bekamen und zum Zeitpunkt des Schweiz-Spiels noch nicht zum Kader gestoßen waren. So kam Marc André ter Stegen, der 20-jährige Mönchengladbacher Keeper, in Basel zu seinem ersten Nationalmannschaftseinsatz – es sollte kein glückliches Debüt werden. Löw setzte zudem BVB-Akteur Marcel Schmelzer auf der linken und den Schalker Benedikt Höwedes auf der rechten defensiven Außenbahn ein. Dem Vernehmen nach überlegt das Trainerteam derzeit, ob es nicht besser wäre, Philipp Lahm während bei der EM auf der rechten statt auf der angestammten linken Außenbahn einzusetzen. Zu unsicher scheint es, dass die Achillesferse im deutschen Team anderweitig halbwegs zuverlässig besetzt werden kann.
Völlig indiskutabel war hingegen die Fehlerquote, die sich die Innenverteidigung um Mats Hummels und Per Mertesacker leistete. In der 21. Minute strich ein Kopfball von Eren Derdiyok knapp am Tor vorbei, nachdem Mertesacker reichlich hölzern gegen Flankengeber Barnetta zu Werke gegangen war. Zwei und vier Minuten später wurden die Stellungsspieler in der deutschen Innenverteidigung dann bestraft. Beide Male traf der künftige Hoffenheimer Derdiyok, beide Male kam die Vorarbeit vom ehemaligen Leverkusener Mannschaftskameraden Barnetta und beide Male wurde dem Angreifer der Torabschluss erschreckend leicht gemacht. Beim ersten Tor ließen Hummels und Marcel Schmelzer den gebürtigen Basler allen erdenklichen Platz, beim zweiten Treffer verschätzte sich Mertesacker. Die deutsche Mannschaft, der man anmerkte, dass sie nach einer langen Saison weitertrainiert hat, brauchte schon eine Standardsituation zum Anschlusstreffer. Nach einem Freistoß von Mesut Özil traf Hummels per Kopf zum 1:2 (45.).
Während die Mehrheit der 27381 Zuschauer im nur zu zwei Dritteln gefüllten St. Jakob Park bester Laune die Pause genoss, bereitete Löw die ersten Wechsel vor. Für Mesut Özil und Sami Khedira kamen Marco Reus und Ilkay Gündogan, später folgten Julian Draxler (für Lukas Podolski), Cacau (für Klose) und die Bender-Zwillinge Sven und Lars (für Mario Götze und Höwedes). Doch an der Schläfrigkeit der deutschen Defensive änderte sich auch nach der Pausenansprache nichts. Derdiyok durfte gleich seinen dritten Treffer erzielen – und Barnetta seinen dritten Scorerpunkt. Dann sorgten drei grobe Torwartfehler für drei weitere Treffer. Nach einem Distanzschuss von André Schürrle, den Diego Benaglio groteskerweise zum 2:3 passieren ließ (64.), patzte Debütant ter Stegen, der sich an der Strafraumgrenze von Stephan Lichtsteiner zum 4:2 (67.) übertölpeln ließ. Weil Benaglio kurz darauf erneut daneben griff, kam Reus zum 3:4-Anschlusstreffer (72.), ehe Admir Mehmedi mit dem 5:3 wieder für klare Verhältnisse sorgte (76.). „Er sitzt jetzt geknickt und bedrückt in der Kabine", wusste Löw zu berichten. „Aber er ist ein großartiger Torhüter, der seinen Weg machen wird." Überhaupt sei es verkehrt, die Gegentore nur den Abwehrspielern zuzuschreiben. „In der Abwehr sind individuelle Fehler gemacht worden. Aber das ganze Defensivverhalten war heute nicht berauschend."