Von Wolfgang Hübner
29.05.2012

Franz-Mehring-Platz Nr. 1

Vor 40 Jahren zog das »neue deutschland« an eine geschichtsträchtige Adresse

Ende Mai 1972 nahmen die Mitarbeiter von »Neues Deutschland« das Redaktions- und Verlagsgebäude am Berliner Ostbahnhof in Besitz. Heute wird vor dem Haus eine Stele eingeweiht, die daran erinnert.
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Wer einem Ortsfremden den Weg zum nd-Gebäude beschreiben will, hat es leicht: Vom Berliner Ostbahnhof ein paar Schritte Richtung Karl-Marx-Allee, und schon erreicht man das wuchtige Haus, auf dessen Dach noch immer der inzwischen nicht mehr leuchtende Schriftzug »Neues Deutschland« steht. Eine schöne Konstante in einer Welt, die sich radikal verändert hat. Als am 6. Januar 1969 der Grundstein für den neuen Sitz des SED-Zentralorgans gelegt wurde, sagte SED-Spitzenfunktionär Werner Lamberz, dass von hier aus »die gewaltigen, weltverändernden Ideen des Sozialismus in die Köpfe und Herzen von Millionen Menschen finden und sie zu immer neuen Taten für unser sozialistisches Vaterland anregen und begeistern« sollten. ND titelte am nächsten Tag: »Modernes Kombinat für modernste Politik«.

Ein Kombinat war es in der Tat, was hier entstand. Erstmals in der 1946 beginnenden ND-Geschichte sollten Redaktion, Verlag und Druckerei an einem Ort zusammengeführt werden. Pläne dazu hatte es schon seit Beginn der 50er Jahre gegeben, aber erst Ende 1965 fasste das SED-Politbüro einen entsprechenden Beschluss.

Die Wahl fiel auf einen geschichtsbeladenen Standort. 1928 hatte der Bankier und Unterhaltungsmanager Jules Marx den alten Ostbahnhof am Küstriner Platz im Arbeiterbezirk Friedrichshain gekauft und zum Varieté umgebaut. Ab Januar 1929 strömte das Publikum in die »Plaza«; auch zu politischen Veranstaltungen, beispielsweise der KPD. Die Nazis enteigneten den Juden Marx, sein Unternehmen wurde arisiert. Er floh nach Frankreich, wo er später verhaftet wurde; 1944 starb er im KZ Sachsenhausen. Die »Plaza« wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Vom damaligen Stadtbild ist heute nicht mehr viel zu sehen. Denn gleichzeitig mit dem ND-Komplex entstanden rund um den Küstriner Platz, der 1972 nach dem kommunistischen Politiker und Journalisten Franz Mehring benannt wurde, tausende Neubauwohnungen. Schon seit den 50er Jahren befand sich in dieser Gegend ein Teil der ND-Druckerei. Neben weiteren Druckstandorten in der Stadt waren auch Redaktion und Verlag zeitweise unter getrennten Adressen zu finden.

Das änderte sich mit dem Neubau am Mehring-Platz, der in einer verlagsinternen Information vom November 1971 als »der größte und wichtigste Bau« bezeichnet wurde, »den unsere Partei bisher errichtet hat«. In dem Komplex gab es neben 21 000 Quadratmeter großen Druckereihallen und den Verlags- und Redaktionsräumen für das ND auch Platz für Kantine und Café, für Betriebsärzte, Physiotherapie und Sauna, eine Fahrschule und eine Autowerkstatt. Der Paternoster dreht immer noch seine Runden; die Rohrpostanlage dagegen wich längst moderner Technik.

Am 27. Mai 1972 erschien das »Neue Deutschland« erstmals unter der Adresse Franz-Mehring-Platz 1. Da war die Druckerei schon in Betrieb, in der nicht nur das ND, sondern auch sieben weitere Tageszeitungen, 19 Wochenzeitungen, 48 Betriebszeitungen, etliche Zeitschriften, SED-Publikationen sowie Schulbücher und belletristische Werke hergestellt wurden. Die Druckerei war ein Hochleistungsunternehmen, das Anfang der 90er Jahre den Besitzer wechselte und später auszog. Heute arbeiten in den umgebauten Hallen die Opernwerkstätten.

Das »neue deutschland« indessen erscheint immer noch. Für zehn Jahre - von 1995 bis 2005 - musste es ausziehen, weil die Bundesregierung und die von ihr vorgeschickte Deutsche Bahn einen beinharten Rechtsstreit um die nd-Immobilie führten, der durchaus zum Ruin der Zeitung hätte führen können. Er endete mit einem Erfolg für »nd«: Das Grundstück wird heute von der Franz-Mehring-Platz-1-GmbH verwaltet.

Wer das Haus heute besucht, kann sehen, dass sich viel getan hat, auch wenn Journalisten ihm gern einen biederen Charme zuschreiben. Es beherbergt eine bunte Mietermischung vom »nd« und seinen Produktionspartnern über die Rosa-Luxemburg-Stiftung bis zu Büros von Parteien und Vereinen sowie kleinen Firmen. Es gibt einen Veranstaltungssaal - benannt nach dem legendären roten Verleger Willi Münzenberg - und Seminarräume. Die Geschichte des Ortes wird in Erinnerung gehalten: Zwei Stelen sind Jules Marx und der »Plaza« sowie den Zerstörungen zum Kriegsende gewidmet; kürzlich wurde eine Franz-Mehring-Platane gepflanzt, gestiftet vom langjährigen nd-Mitarbeiter Walter Grenzebach. Heute kommt eine dritte Stele hinzu, die an die nd-Anfänge am Mehring-Platz erinnert.