Von Carmela Negrete, Marinaleda und Palma del Rio
29.05.2012

Gelebte Utopie

In Spanien trotzt ein kommunistisches Dorf der Wirtschaftskrise

Im krisengebeutelten Spanien lebt eine Gemeinde nach kommunistischen Prinzipien – fast ohne Arbeitslosigkeit und in schönen Häusern. Das andalusische Marinaleda bekommt mittlerweile Zulauf aus dem ganzen Land und avanciert zum Modell für andere Gemeinden, wie dem Nachbarort Palma del Rio.

Mitten in Andalusien, im kleinen Dorf Palma del Rio, steht Lola Álvarez und plant das Ende des Kapitalismus. Hier, über 450 Kilometer südlich der spanischen Hauptstadt Madrid, hat die Vertreterin der Andalusischen Arbeitergewerkschaft (SAT) zusammen mit etwa hundert anderen Aktivisten die Finca Somontes besetzt. »Wir brauchen eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem und deshalb wollen wir eine landwirtschaftliche Kooperative gründen, um davon zu leben«, erzählt Álvarez. Einmal haben Polizisten das Landgut schon geräumt. Doch die Besetzer sind immer noch da. Als die Beamten abzogen, kamen die meist arbeitslosen Landarbeiter einfach erneut auf das 400 Hektar große Grundstück.

Bislang war das Land öffentlicher Besitz, jetzt soll es an private Investoren verkauft werden. Die Regierung verschleudere das Eigentum der Andalusier, das gebraucht werde, um Arbeitsplätze zu schaffen, kritisiert die Gewerkschaft SAT. Doch für Großgrundbesitzer und multinationale Konzerne sind die ungenutzten Flächen eine lukrative Einnahmequelle. Denn die Europäische Union verteilt Subventionen nach der Größe in Hektar und nicht nach der Produktivität. So fließt Fördergeld auch für unbewirtschaftete Flächen. Gleichzeitig beträgt die Arbeitslosigkeit in vielen Regionen Andalusiens bis zu 40 Prozent, Landarbeiter können kaum noch ihre Familien ernähren. Deshalb werden Besucher auf Somontes seit zwei Monaten mit einer Che-Guevara-Fahne begrüßt. »Andalusier migriert nicht. Kämpft für Eure Rechte. Das Land gehört Euch«, steht darunter.

Alles da: Arbeit, Freizeit, schicke Häuser

Auch Juan Manuel Sánchez Gordillo ist nach Palma del Rio gekommen. »Zwei Prozent Grundbesitzern gehören 50 Prozent aller fruchtbaren Flächen in Andalusien. Jetzt will ihnen die Regierung weitere 400 Hektar verkaufen, diesen Raub werden wir nicht zulassen«, sagt der 63-Jährige. Er ist Bürgermeister im 60 Kilometer entfernten Dorf Marinaleda. Von den Besetzern in Palma del Rio hört man in diesen Tagen immer wieder: »Wir machen es genau wie die Menschen dort.«

Marinaleda ist mittlerweile ein Mythos. Mitten im krisengebeutelten Spanien lebt eine ganze Gemeinde nach kommunistischen Prinzipien - und trotzt damit Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Anfang der achtziger Jahre besetzten die Bauern von Marinaleda ebenfalls eine Finca und gründeten eine Kooperative. »Ich glaube nicht an den freien Markt, außerdem sollten Lebensmittel keine Waren sein, mit denen man spekuliert«, findet Sánchez Gordillo. Als Bürgermeister für die 2800 Einwohner arbeitet der Lehrer seit mehr als 30 Jahren - Geld bekommt er dafür nicht.

In Marinaleda lebt auch Gloria. Früher war sie Schülerin von Sánchez Gordillo. »Ich habe hier alles, was ich brauche: Arbeit, Wohnung, junge Leute und viele Freizeitmöglichkeiten«, erzählt sie. Tatsächlich kann sich das kleine Dorf einigen Luxus leisten. Fußballstadion, Fitnessstudio, Schwimmbad und einen großen gepflegten Park zum Beispiel. Ein Erfolg, an dem auch Bürgermeister Sánchez Gordillo seinen Anteil hat. Bislang hat seine Partei »Kollektiv der Arbeitereinheit - Andalusischer Linksblock« (CUT-BAI) alle Wahlen in Marinaleda mit absoluter Mehrheit gewonnen. 2008 zog Sánchez Gordillo als Abgeordneter ins andalusische Parlament ein. Als »libertären Kommunismus« bezeichnet der Politiker das System von Marinaleda.

Dort verdienen alle ungefähr das Gleiche: etwa 1200 Euro pro Monat. Der übrige Gewinn fließt in die Gemeindekasse. Und während viele Spanier unter hohen Immobilienkrediten leiden, bauen sich die Menschen von Marinaleda ihre schicken Häuser selbst. Miete oder Kredite sind überflüssig; das Material stellt zunächst die Gemeinde, dafür zahlen die Bewohner dann monatlich eine Rate von wenigen Euro. Nach 30 Jahren ist alles abbezahlt.

Marinaleda investiert viel in die soziale Infrastruktur. Der Platz in einer Kita kostet monatlich zwölf Euro, Essen inklusive. Für das Schwimmbad muss jeder Einwohner drei Euro zahlen - pro Jahr. Derzeit beträgt die Arbeitslosenquote drei Prozent. »Langzeitarbeitslosigkeit gibt es bei uns kaum, aber es ist normal, dass auf dem Land bei Dürre oder Überschwemmungen manchmal einfach nichts zu tun ist«, berichtet eine junge Frau, die gerade ohne Beschäftigung ist. Insgesamt könne man gut leben, fügt sie hinzu.

Das kommunistische Dorf hat mittlerweile eine große Anziehungskraft für Menschen aus ganz Spanien. Doch damit ist die Gemeinde überfordert. »Wir haben nicht die Kapazität, um allen zu helfen«, betont Gloria Trujillo. Die 25-Jährige arbeitet bei Humar, einer als Kooperative betriebenen Konservenfabrik. Bis zu zwei Tonnen Artischocken werden hier im Jahr verarbeitet. Hinzu kommen Paprika, Bohnen und Olivenöl. Die Früchte stammen vom Landgut Los Humosos, einem 17 000 Hektar großen Gebiet an der Stadtgrenze. Nebenbei sitzt Trujillo ehrenamtlich im Gemeinderat und ist dort für soziale Angelegenheiten zuständig. »Ich empfehle denen, die zu uns kommen, dass sie in ihren Dörfern das machen, was wir hier tun - kämpfen, kämpfen, kämpfen«, sagt Trujillo.

Als etwa die andalusische Regierung die Kitakantine von einer großen Firma betreiben lassen wollte, sei man nach Sevilla gefahren und habe das Bildungsministerium besetzt, erzählt sie. Mit Erfolg. Bis heute kochen und servieren Mitarbeiter aus Marinaleda das Essen für die Kleinsten. »Politik bedeutet, die Menschen zu überzeugen«, glaubt Trujillo. Im Rathaus von Marinaleda engagieren sich vor allem junge Leute. Die meisten von ihnen sind kaum über 35 Jahre alt, alle arbeiten unentgeltlich. Die wichtigsten Entscheidungen werden indes in den Nachbarschaftsversammlungen getroffen. So entschied das Gremium unter anderem, dass der Posten des Dorfpolizisten nicht gebraucht werde. Das spart 150 000 Euro im Jahr, die nun für andere Projekte verwendet werden können.

Die Kommunisten halten den Schikanen stand

Natürlich gibt es nicht nur Erfolge in Marinaleda. Der Versuch, einen Kabel-TV-Sender freizugeben, wurde von einem Gericht untersagt. Damit alle Dorfbewohner Fußball schauen können, hatte der Gemeinderat dafür gesorgt, dass jeder in Marinaleda das kostenpflichtige Programm empfangen kann. »Die wahren Piraten sind diejenigen, die dieses System kontrollieren«, kommentierte Bürgermeister Gordillo seinerzeit die Entscheidung der Richter. Noch bis in die neunziger Jahre gab es immer wieder Schikanen, Anzeigen und Strafen seitens der Polizei. So ließ die Guardia civil vor Jahren unzählige Schatten spendende Bäume abholzen, um die Landarbeiter bei 45 Grad der prallen Sonne auszusetzen und zu demotivieren. Bislang haben jedoch die Kommunisten von Marinaleda alle Angriffe überstanden.

Im Nachbarort Palma del Rio hofft man auf eine ähnliche Entwicklung. Bisher haben sich die Besetzer der Finca Somontes von den Polizeieinsatzkommandos nicht vertreiben lassen. »Wir achten darauf, gewaltfrei zu bleiben, ansonsten geht der Kampf weiter«, sagt die Gewerkschafterin Lola Álvarez. »Hier kriegen sie uns nicht raus.«

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