Von Rainer Funke
29.05.2012
Brandenburg

Thälmann beinahe auf dem Mist

Die geheimnisvolle Odyssee eines Bronzekopfes aus Schöneiche bei Berlin

Es gibt gar merkwürdig anmutende Missetaten, solche mit allzu vielen Spuren am Tatort, die jedoch langsam im Nichts verschwinden. Man stößt auf skurrile Motive und ungewöhnliche Tatabläufe. Bei diesem etwas absurd anmutenden Kriminalfall trifft irgendwie alles zu.

Es geschah im Herbst 1990. Wann genau, weiß wohl niemand mehr in Schöneiche bei Berlin. Die Leute hatten damals andere Sorgen als Gedenkstätten. Es drohte Arbeitslosigkeit. Manch einer wusste nicht, ob er demnächst noch ein Zuhause hatte. Vor allem wegen der sich anbahnenden Rückübertragungen. Da fiel es kaum auf, dass ein Denkmal für Ernst Thälmann beschädigt sowie der bronzene Kopf schlichtweg abgerissen und verschwunden war. Zugleich wunderte das kaum jemanden. Zerfledderte oder beschmierte Plakate, zerstörte Symbole, die an die DDR erinnerten, gehörten damals in Schöneiche und anderswo beinahe zum Alltag. Vandalismus hatte um sich gegriffen.

Zu denen, die den Frevel entdeckten, gehörte Jürgen Rahne, der zufällig durch den Park an der Dorfaue geschlendert war: Der bronzene Kopf war von der Halterung gerissen, aber nirgends zu entdecken. Ein »N« des Namenszuges fehlte, auch die Ziffern des auf der Steinplatte befestigten Geburts- und Todesdatums. Rahne fotografierte, was er vorgefunden hatte, trennte die restlichen Buchstaben ab, um sie aufzubewahren. Eine Weile lagerten sie im Gemeindearchiv. Inzwischen befinden sie sich im Fundus von Ortschronist Ekkehard Brühn. Was allerdings aus der Bronzebüste geworden war, blieb lange unbekannt. Eine Gedenkstätte für Thälmann gerade in Schöneiche, das ergab 1969 Sinn. Mehrfach befand sich der KPD-Vorsitzende im Ort, bevor ihn die Nazis verhafteten und schließlich ermordeten. 1929 etwa hielt er sich für einige Tage im Ortsteil Fichtenau auf, wo er sich auf eine internationale Tagung vorbereitete. Hier »in dem kleinen zweistöckigen Haus, in einer stillen Gartenstraße gelegenen Gebäude«, der KPD-Parteischule »Rosa Luxemburg«, referierte er öfter vor Genossen über aktuelle Geschehnisse und theoretische Aspekte. »Habe in dieser Gegend in letzter Zeit meine politische Arbeit erledigt und etwas ausgeruht«, schrieb er am 30. Juni 1929 nach Hause. Auf der Ansichtskarte war der Flakensee abgebildet, »wohin ihn gelegentliche Spaziergänge geführt haben mögen«. All dies beschreibt die in der DDR erschienene Thälmann-Biografie. Die KPD-Schule ist inzwischen ein Wohnhaus. Eine von der Straße schlecht einsehbare Tafel erinnert an die Geschichte des Hauses.

Wie das Geheimnis des verschollenen Thälmann-Kopfes gelüftet wurde, ist bislang unklar geblieben. Womöglich stieß jemand auf die zweibändige autobiografische Familiensaga derer von Waldenburg namens »Ja, ja, mein Kind«, von der es allerdings lange keine deutsche Version gab. Oder hatten Hildegard und Fritz von Waldenburg in einer Art Bekennerschreiben, das sie um das Jahr 2000 herum an die Gemeinde gesendet hatten, auf die Entführung hingewiesen, allerdings keine Antwort erhalten, wie sie am 28. Juli 2004 den Bürgermeister Heinrich Jüttner wissen ließen?

Die Spur führte nach East Nassau (USA). In dem Schreiben bekannten die Auswanderer Hildegard und Fritz von W. (beide Jahrgang 1919) ihre Täterschaft. »Wir erlebten beide in Berlin die schreckliche Hitlerzeit, die grausamen Bombardierungen, den Endkampf, den Einmarsch der Russen, die unmenschlichen Vergewaltigungen, den Hunger und die schwere Zeit nach dem Kriege«, schrieb Hildegard von W. über die Motive ihrer Auswanderung in die USA. »Wir kannten von Deutschland nur Vorkrieg, Krieg und Nachkrieg. Und was würde nun wieder kommen?«

Im Herbst 1990 hatten die von Waldenburg Deutschland mal wieder besucht, diesmal auch Schöneiche, wo Hildegard jahrelang die im Schloss befindliche Aufbauschule besucht hatte. Das war eine Lehranstalt, in der Mädchen detailliert auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet wurden. Und da stand sie nun etwas hilflos: Der Schlosspark war nach Thälmann benannt worden, das Schloss hatte man irgendwann in der Nachkriegszeit abgerissen, um Bausteine für die Höfe der Neubauern zu gewinnen. Was sich allerdings später als Unfug herausstellte. Die Sandsteine zerfielen und waren für nichts mehr zu gebrauchen. Die Büste habe nicht herumgelegen, sondern auf einem Sockel gestanden. »Den Burschen nehmen wir mit und rechnen mit ihm in Amerika ab«, so Hildegard.

Wie sie sagte, wusste sie von Thälmann lediglich, »dass er Hitler an die Regierung brachte, da man bei der Wahl von zwei Übeln stets das kleinere wählt«. Eine historisch unsinnige bis naive, aber nichtsdestotrotz auch in der Bundesrepublik selbst unter manchen Wissenschaftlern verbreitete These. So kam es zum Abriss des Kopfes von der Gedenkstätte und zur Entführung in die Staaten. »Alle Deutschen, die ich kannte, waren dafür, ihn auf unseren Misthaufen zu stellen.« Und man vereinbarte, ihn irgendwann gemeinsam mit faulen Eiern zu bewerfen.

»Aber bei der näheren Betrachtung des lieben Mannes habe ich festgestellt, dass er eigentlich gar nicht so übel aussah wie die anderen Burschen. Hochwahrscheinlich hätte er die später alle bekämpft, wenn er noch erlebt hätte, was aus seinen Ideen geworden ist.« Ihr schien es, schrieb sie, als sei er ein Idealist gewesen, und Idealisten seien ihr schon immer sympathisch gewesen. Die Büste wurde deshalb nicht auf den Mist gesetzt, »sondern ihr eine Stelle zwischen Wacholderbüschen unter einer Laterne gegeben und auf ein kleines Metallrohr zu ebener Erde gesetzt«. Und nun - 2004 - stehe Thälmann unversehrt, inzwischen von edler Patina überzogen, am gleichen Platze. Die Gemeinde könne den Kopf zurückbekommen. Bedingung sei, dass sie eine Kopie bekomme und er nicht mehr am alten Platz in Schöneiche aufgestellt werde.

Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen. Der Brief lag einsam ganz unten in einer amtlichen Schublade. Hildegard von Waldenburg starb am 3. Mai 2009, wie in einer Anzeige der »Albany Times Union« zwei Tage später bekannt gegeben wurde. Ob ihr Mann noch lebt, ist nicht bekannt. Nachfragen des nd per Mail an die Familie, was aus dem Schöneicher Thälmannkopf geworden ist, blieben bislang ohne Antwort.

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