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Jürgen Amendt
30.05.2012

Thilo Sarrazins »Europa braucht den Euro nicht«

Die Blindheit des Kulturkonservativen

Thilo Sarrazins neues Buch ist ein Angriff auf die politischen Eliten, geführt von jemandem, der selbst zu ihnen gehört. Das kommt an, hat den Schein des Rebellischen, denn wer sonst, als jemand, der die Funktionsweise eines Systems aus der Innenansicht kennt, ist glaubwürdiger in der Rolle des Aufrührers? Da schimpft einer, der Seinesgleichen kennt, mit Volkes Stimme gegen »die da Oben«, mag der gemeine Leser denken. Der Aufstand aus der Mitte der Elite (zu der Sarrazin sich zählt) gegen die Elite fasziniert die Massen und mag er wie im Fall Sarrazins noch so sehr Effekthascherei sein.

In der deutschen Mittelschicht wächst die Skepsis, dass die Eliten des Landes noch der Aufgabe gewachsen sind, das Land zu führen; der Graben zwischen der Masse und der Elite wird tiefer in dem Maße in dem die Angst der Mitte vor dem sozialen Abrutsch größer wird bzw. die Einsicht wächst, dass für die eigenen Kinder der Aufstieg immer schwerer wird. Sarrazin, der gewiefte Geschäftsmann, hat dieses Angstgefühl als Marktlücke für sich entdeckt, indem er es – über die Medien schon vorab skandalisiert – als Tabubruch verkauft.

Das eint ihn mit einem anderen »Tabubrecher« – mit Dieter Bohlen. Dessen Buch »Nichts als die Wahrheit« verkaufte sich mit mehr als 800 000 Exemplaren ähnlich gut wie Sarrazins Erstlings-Bestseller »Deutschland schafft sich ab« (bislang knapp 1,5 Millionen verkaufte Exemplare). Beider Erfolgsgeheimnis ist ihre unmittelbare Authentizität einer Ich-Zuerst-Mentalität. Sarrazin nimmt die breite Masse für sich ein, weil er sich nicht verstellt wie all die Politiker, die im Abwägen, im Ungefähren, im Kompromiss eine Beliebigkeit der Haltungen zeigen. Sarrazins Credo: Ohne die anderen (wahlweise Südoeuropäer, Migranten, politisches Establishment, Muslime, Nachbarn, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger) könnten wir (wahlweise Deutsche, Nordeuropäer, Nicht-Muslime, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger) besser leben.

Darin besteht wiederum der Trick Sarrazins: Sich zum Fürsprecher der Masse zu machen, die er im tiefsten Herzen verachtet. Sarrazin hat nichts gegen Ausländer, nichts gegen Einwanderer an sich, ihn stört der Gedanke des Egalitären, der dem sozialen Aufstieg von Minderheiten innewohnt und die angestammten Privilegien der Mehrheit potenziell in Frage stellt. Es ist eine geistige Welt des frühen 20. Jahrhunderts, die Sarrazin vertritt. Den Kulturkonservativen links und rechts im politischen Spektrum war die Popkultur wegen ihres Hangs zum Egalitären stets verdächtig.

Hier treffen die Gedankenwelt des Großbürgers Sarrazin und die seiner vielen Käufer aus der bürgerlichen Mittelschicht zusammen. Deutlich wird das in seinem neuen Buch in einem kleinen Abschnitt mit der Überschrift »Das Verhältnis der Völker«. Hier offenbart sich der tief sitzende Kulturpessimismus Sarrazins, der sich in Form einer diffusen Angst vor den sozialen und kulturellen Erscheinungen der Moderne artikuliert. War es in »Deutschland schafft sich ab« die Migration, kommt Sarrazin diesmal über seine Kritik am Euro zu seinem eigentlichen Thema: Dem Verschwinden nationaler Identität zugunsten einer europäischen bzw. globalen Identität.

Sarrazin zitiert in den Philosophen Jürgen Habermas, der in der politischen Fragmentierung in Europa (Stichwort Regionalkonflikte) einen Widerspruch zum »systematischen Zusammenwachsen einer multikulturellen Weltgesellschaft« sieht. Sarrazin diskreditiert das als »persönlichen Utopieentwurf« und stellt dem seine Sicht eines zunehmenden Verfalls klassischer Allgemeinbildung durch die Dominanz angelsächsischer Kultur und englischer Sprache entgegen. In den letzten Jahrzehnten, so Sarrazin, sei die gegenseitige »Unkenntnis über die Lebenswelt und Nationalkultur der Nachbarn, die eine andere Sprache sprechen«, gewachsen. Die ganze Bandbreite der humanistischen Kultur – Latein, Griechisch, Philosophie –, dieses »Ferment der Gemeinsamkeiten in der Kultur Europas« löst sich, um mit einem der geistigen Väter von Habermas, Theodor W. Adorno, zu sprechen, im Betrieb der Kulturindustrie auf.

Mit der Blindheit des Kulturkonservativen geschlagen, vermag Sarrazin darin, dass die Eliten nicht mehr über jene humanistische Kultur länderübergreifend allein verfügen, nur Verfall sehen. Es gebe keine europäische Öffentlichkeit, behauptet Sarrazin, weil eine von der Mehrheit der Europäer geteilte Wertegemeinschaft fehle. Die Äußerungen der Kulturindustrie – große Sportereignisse, Wettbewerbe wie der European Song Contest oder »die Internationale der Smartphone-Benutzer« sind für ihn bloßes Amüsement – ohne sozialen Wert, ohne verbindendes Element.

Doch ist das Gegenteil der Fall. Wenn Sarrazin klagt, dass das in Frankreich seit jeher weit verbreitete »kulturelle und persönliche Desinteresse am großen Nachbarn Deutschland« in den vergangenen Jahrzehnten nicht ab-, sondern zugenommen habe, verkennt er, dass durch die Europäische Union in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in Frankreich eine Generation von jungen Menschen herangewachsen ist, die zum Verständnis des Gegenüber auf der anderen Seite des Rheins eben nicht mehr die Urväter deutscher Kultur wie Goethe oder Schiller gelesen haben müssen, sondern eben über die Popkultur eine gemeinsame »Sprache« längst gefunden haben. In diesem Prozess steckt ein bedeutsames Stück Demokratisierung. In dem Grad in dem die Produkte der humanistischen Kultur nicht mehr der Elite vorbehalten sind, sondern über die Derivate der Kulturindustrie sozialisiert werden, entsteht eine verbindende Identität, die gleichwohl längst den europäischen Rahmen gesprengt hat. Wer heute von Paris nach Berlin oder von Berlin nach Paris zieht, findet am neuen Ort bereits die ihm wohl bekannten kulturellen Produkte vor. Zur Popularität der deutschen Sprache in Frankreich haben in den letzten Jahren weniger der »Zauberlehrling« von Goethe denn die Texte der Band »Tokio Hotel« verholfen.

Der Einzug des Egalitären hat aber auch die Art und Weise verändert, wie ein Buch wie das von Sarrazin öffentlich als Skandal verarbeitet wird – und der Elite die Deutungsmacht über den Skandal beraubt. Der klassische Skandal war, so die beiden Medienforscher Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem Buch »Der entfesselte Skandal«, zeitlich und räumlich eingegrenzt und folgte einem von den Eliten bestimmten Schema: Von dem Tabubruch oder der Normverletzung wusste Anfangs niemand, bis interessierte Kreise die Information an die Medien weiter gaben. Es waren dann Journalisten, so Pörksen und Detel, die den Skandal öffentlich machten und den Rhythmus der Erregungsmaschine festlegten. Erst zum Schluss trat das Publikum auf die Bühne – wenn überhaupt. Der »entfesselte Skandal« dagegen sei von Anfang an eine globale Erscheinung. Über das Internet kann jeder sich in Echtzeit über ihn informieren. Alle, also auch Nicht-Journalisten, können sich an seiner medialen Verarbeitung beteiligen – z.B. an der Debatte über Sarrazins Thesen in seinem neuen Buch. Und so wird der Eliten-Fetischist Thilo Sarrazin ungewollt zum Wegbereiter der radikalen Demokratisierung des öffentlichen Diskurses.

Thilo Sarrazin. Europa braucht den Euro nicht. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, 464 S., 18,99 €

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