Von Tom Mustroph, Mailand
30.05.2012

Markenzeichen des italienischen Fußballs

Wettbetrugsskandal trifft die Nationalmannschaft mitten in der EM-Vorbereitung

Mit Entsetzen, banger Verteidigung und schrägem Galgenhumor reagiert Fußballitalien auf die jüngste Verhaftungswelle im Wettbetrugsskandal, die bis auf das Trainingsgelände der Nationalmannschaft schwappte. 19 Haftbefehle gegen Fußballprofis der Serie A, deren Entourage und einige Schlüsselfiguren der europaweiten Wettbetrugsszene wurden im Morgengrauen des Pfingstmontags verhängt. Unter den Verhafteten war mit Stefano Mauri, dem Kapitän von Lazio Rom, auch ein Nationalspieler. Mauri, gegen den seit Monaten von geständigen Manipulatoren Vorwürfe erhoben wurden, gehört allerdings nicht zum aktuellen EM-Aufgebot von Trainer Cesare Prandelli.

Im Trainingszentrum Coverciano musste jedoch Linksverteidiger Domenico Criscito eine dreistündige Durchsuchung über sich ergehen lassen. Dem 25-Jährigen wird vorgeworfen, wenige Tage vor dem Spiel seines damaligen Klubs CFC Genua gegen Lazio Rom an einer Besprechung mit Lazio-Profi Giuseppe Sculli und einem inzwischen inhaftierten Mitglied einer südosteuropäischen Wettbetrügerbande teilgenommen zu haben. Das betreffende Spiel vom Mai 2011 gilt wegen ungewöhnlicher Wetteinsätze als verschoben. Criscito wurde von Prandelli inzwischen nach Hause geschickt. Im EM-Kader befindet sich aber immer noch Leonardo Bonucci von Juventus Turin. Auch er soll laut italienischen Medien auf einer Liste von Verdächtigen der Staatsanwaltschaft Cremona stehen.

»Das sind verheerende Nachrichten«, meldete sich Altmeister Giovanni Trapattoni aus dem Trainingscamp der irischen Nationalmannschaft zu Wort. »Im Ausland nehmen sie uns Italiener zunehmend nur noch als Mafiosi wahr«, klagte er. Der Präsident des italienischen Fußballverbands Giancarlo Abete kündigte ein »radikales Aufräumen« an. Das versprach er allerdings schon vor fast genau einem Jahr, als die erste Verhaftungswelle wegen Spielmanipulationen durchs Land rollte und unter anderem den Alt-Internationalen Giuseppe Signori hinter Gitter brachte. Standen damals vor allem Zweit- und Drittligaspieler im Fokus, so sind die Ermittler inzwischen zu Betrügern aus der Serie A vorgedrungen.

Das ist eine neue Dynamik, die auch unter den Spielern Besorgnis auslöst. »Das ist schlimmer als 2006«, bezog sich Mittelfeldspieler Daniele De Rossi auf den Moggi-Skandal. »Damals standen Funktionäre im Zentrum, aber heute sind es Leute, die du jeden Tag auf dem Feld siehst. Das schmerzt«, sagte der Weltmeister von 2006, der bei der EM mindestens ins Halbfinale kommen will. Resigniert bemerkte er: »Offensichtlich ist das ein Markenzeichen des italienischen Fußballs.« Sein Weltmeisterkollege Marco Materazzi erinnerte bei einem Treffen der alten WM-Helden mit den aktuellen Nationalspielern am Montag daran, wie man am besten mit einer solchen Schmach umgeht. »Reagieren und gewinnen«, lautete seine Faustformel.

Doch Geschichte wiederholt sich im Regelfalle nicht. Fühlte sich 2006 eine Gruppe altgedienter Gladiatoren an der Ehre gepackt, so trifft der jetzige Skandal eine Mannschaft im Umbruch, deren Merkmal nach Willen des Trainers vor allem Spielkultur ist. Mit Wut im Bauch lässt sich so ein Konzept nicht umsetzen. Hinzukommt, dass der Skandal bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. »Wir versuchen jetzt herauszufinden, welche Rolle die Vereine gespielt haben«, kündigte der leitende Staatsanwalt der Ermittlung, Roberto di Martino, an. Die Turiner Zeitung »La Stampa« spekulierte bereits, dass Lazio Rom die Teilnahme an der Europa League verwehrt und Genua und Siena in die Serie B relegiert werden könnten.

Wegen mutmaßlicher Manipulationen des AC Siena geriet auch der damalige Coach und aktuelle Meistertrainer von Juventus, Antonio Conte, unter Druck. Bestätigt sich der Verdacht, würde er gesperrt und die Turiner müssten ihren Angriff auf die Champions League mit einem neuen Trainer vornehmen. Die neue Ära wäre in Scham und Schande beendet, bevor sie so richtig begann.

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