Von Ronny Blaschke
31.05.2012

Freundschaftsspiel im Wortsinn

Heute spielt die DFB-Elf in Leipzig gegen Israel - dort hat der Fußball das Deutschland-Bild nachhaltig verändert

Deutschland gegen Israel: selten wird der Begriff des »Freundschaftsspiels« so wörtlich genommen wie vor dieser Begegnung in Leipzig. »Vor allem durch den Fußball hat sich das Deutschland-Bild in Israel zum Positiven gewandelt«, sagt der Sporthistoriker Manfred Lämmer und erinnert an die Nachkriegszeit: Vor den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki hatte das israelische Außenministerium seinen Athleten noch den Wettkampf gegen deutsche Sportler untersagt. 1956 reiste dann Willi Daume nach Israel, der Präsident des Deutschen Sportbundes übergab eine Spende an den Sportverband, knüpfte Kontakte, auch zu Politikern. Fortan reisten Bundestagsabgeordnete nach Israel - getarnt als Sportfunktionäre.

Manfred Lämmer gehörte 1963 der ersten deutschen Sportlergruppe an, die nach Israel reisen durfte. »Als junge Sportler begegneten die Israelis uns unbefangener, wir wurden sofort in ihre Mitte genommen.« Mehr als dreißig Jahre leitete Lämmer an der Sporthochschule in Köln das Institut für Sportgeschichte. Zurzeit erforscht er die deutsch-israelische Fußball-Diplomatie: Als erster Fußballer war Helmut Rahn 1962 in Israel aufgetreten, der Siegtorschütze des deutschen WM-Triumphs von 1954. Rahn spielte für das holländische Team SC Enschede gegen Hapoel Tel Aviv. Der Kriegsteilnehmer Rahn wurde im Stadion ausgepfiffen, doch er spielte gut, am Ende erhielt er Applaus von den Zuschauern. »Der Sport spricht andere soziale Schichten an und hat sich deshalb als bessere kulturelle Brücke erwiesen als Wissenschaft oder Hochkultur«, sagt Manfred Lämmer.

Anfang Mai dieses Jahres diskutierten Experten die deutsch-israelischen Beziehungen in Nürnberg, eingeladen hatte die Akademie für Fußball-Kultur. Mit dabei: Herbert Laumen, geboren 1943, Spieler einer Generation, in der Partien beider Nationen noch hochpolitisch waren: »Unsere Frauen hatten große Bedenken, es war ja keine alltägliche Reise«, sagt Laumen. Im Februar 1970 flog er mit seiner Mannschaft Borussia Mönchengladbach nach Tel Aviv. Da es zuvor einen Anschlag auf eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al auf dem Münchner Flughafen gegeben hatte, stellte Innenminister Hans-Dietrich Genscher den Mönchengladbachern eine Boeing der Bundeswaffe bereit. Das Flugzeug reiste in geheimer Mission, wurde in Israel ständig bewacht. Eingeleitet hatte den Trip der israelische Nationaltrainer Emanuel Schaffer, er war in Recklinghausen aufgewachsen und hatte seine Trainerausbildung in Köln absolviert.

Die Stimmung während des Spiels begann verhalten, doch sie steigerte sich zum Orkan. Die Mannschaft von Günter Netzer besiegte das Nationalteam Israels 6:0. Bis weit in die Nacht wurden die Gäste gefeiert. »Das werden wir nie vergessen«, sagt Herbert Laumen. Er schoss drei Tore, vielleicht die wichtigsten seiner Laufbahn, denn damit war der Bann gebrochen: Im selben Jahr wechselte Uwe Klimaschefski als erster deutscher Trainer zu einem israelischen Verein, zu Hapoel Haifa. Mönchengladbach verpflichtete in Shmuel Rosenthal den ersten Israeli für die Bundesliga.

Hunderte Begegnungen zwischen deutschen und israelischen Mannschaften haben seitdem stattgefunden, allein Mönchengladbach bestritt 24 Testspiele gegen israelische Teams. Viele der rund hundert Städtepartnerschaften zwischen beiden Ländern haben ihren Ursprung im Sport, berichtet Manfred Lämmer.

Der DFB stützt die deutsche Außenpolitik. Der Verband hatte sich gegen die sportpolitische Isolierung Israels durch arabische Staaten gestemmt, längst sind seine Teams in den europäischen statt in den asiatischen Strukturen verankert. In jedem Dezember reisen Jugendteams des DFB nach Israel, dort besuchen auch sie die Gedenkstätte Yad Vashem. Diese Partnerschaften haben Ausstrahlung: 7000 Jugendliche beider Länder befinden sich jährlich in Austauschprogrammen von Schulen. Auch deshalb entstehen in Israel immer mehr Bundesliga-Fanklubs, auch deshalb haben sich während der WM 2010 laut einer Umfrage ein Drittel der Israelis einen deutschen Sieg erhofft. Demnächst wird ein deutsches Frauenteam in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten spielen. »Wir verschicken Pressemitteilungen, organisieren Konferenzen, arbeiten viele Stunden am Tag«, sagt Tal Gat, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft in Berlin: »Die Fußballer können schon mit einer guten Halbzeit für viel Aufmerksamkeit sorgen. Dafür sind wir sehr dankbar.«

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken