Von Hendrik Lasch, Dresden
01.06.2012

Nach dem Publikum sollen die Mieter kommen

TLG-Genossenschaft wirbt weiter um Mitglieder / Kaufangebot für 11 500 Wohnungen im Osten soll bis Ende Juni unterbreitet werden

Eine Genossenschaft, die 11 500 TLG-Wohnungen übernehmen will, wirbt weiter um Mitglieder. Die von Verkaufsplänen des Bundes überraschten Mieter haben zunächst viele Fragen.

Die Mieter der TLG-Wohnungen in Dresden haben sich noch nie getroffen. Kein Wunder: Die Häuser, die der Treuhandliegenschaftsgesellschaft in der Stadt gehören, liegen weit verstreut. Am Mittwochabend indes sitzen 150 von ihnen im Kino Schauburg. Ein Herr im gepflegten Anzug ist angetan: »So lernt man sich mal kennen.«

Anlass des Treffens im »Sergio-Leone-Saal« ist eine Vorstellungsrunde. Seit Anfang Mai sucht eine Genossenschaft das Gespräch mit den TLG-Mietern, die deren Vermieter kaufen möchte. Der Bund als bisheriger Besitzer will sich von den 11 500 Wohnungen in 42 ostdeutschen Orten trennen; eine europaweite Ausschreibung läuft.

Die Genossenschaft gegründet haben 30 Abgeordnete der LINKEN. Ihre Fraktion versuchte zunächst, den Verkauf zu unterbinden. »Was eine Privatisierung bedeutet, wissen sie hier in Dresden ja«, sagt die Wohnungspolitikerin Heidrun Bluhm in Anspielung auf den 2006 erfolgten Verkauf aller kommunalen Wohnungen in der Stadt. Seither wurde unterdurchschnittlich investiert, dafür stiegen die Mieten. Derzeit will Eigentümer Gagfah die 38 000 Wohnungen mit Gewinn weiterverkaufen.

Derlei Spekulationen und andere unschöne Folgen eines Verkaufs an »Heuschrecken« will die Genossenschaft unterbinden, sagt Bluhm. Allerdings lässt sich deren Rolle im Bieterverfahren, in dem sie mit Großunternehmen wie der Deutsche Wohnen AG konkurriert, mit dem Titel eines Sergio-Leone-Films umschreiben: »Mein Name ist Nobody.« Der Umstand, dass sie es in die zweite Bieterrunde geschafft hat. ändert daran wenig.

Um mehr Gewicht in die Waagschale werfen zu können, will die Genossenschaft an Mitgliedern gewinnen und tourt derzeit durch die Republik. »Mindestens 1000 sollen es bis Ende Juni sein«, sagt Bluhm.

Bisher ist das Ziel noch ein gutes Stück entfernt: 350 Mitglieder traten seit Mitte April ein, von denen die Hälfte »Publikum« ist: Mitglieder, die mit der Idee sympathisieren, aber selbst keine TLG-Wohnung bewohnen. Ins Boot holen will man jetzt vor allem Mieter. So wolle man gegenüber dem Verkäufer zum einen dokumentieren, dass »unsere Idee mit Leben erfüllt wird« - quasi also die Massen ergriffen hat. Von der Mitgliederzahl, weiß Bluhm, »hängt ab, ob wir ernst genommen werden«.

Zum anderen ist sie entscheidend für die Frage, ob man »vernünftig mit Eigenkapital« ausgestattet ist. Dazu müssten mittelfristig 4- bis 5000 Mitglieder gewonnen werden. Unklar ist sogar, ob das reicht. Intern wird die nötige Eigenkapitalquote auf etwa fünf Prozent geschätzt. Der Wert der TLG-Wohnungen soll freilich bei 570 Millionen Euro liegen. Sie sind, um noch einmal Sergio Leone zu bemühen, nicht »Für eine Handvoll Dollar« zu erhalten.

Die als potenzielle Mitglieder umworbenen Mieter bringen vorerst viele Fragen mit. Wie schnell müssen sie ihre Anteile, die 51,13 Euro kosten und von denen einer pro Quadratmeter Wohnfläche fällig wird, entrichten? Was erwartet Mieter, die nicht eintreten wollen oder können? Was passiert mit dem Geld, wenn die Genossenschaft nicht zum Zuge kommt? Wie könnte eine Generalversammlung aussehen, zu der Mitglieder aus ganz Ostdeutschland anreisen?

Bluhm und ihre Mitstreiter bemühen sich um Antworten. Es gebe Möglichkeiten zur Teilzahlung über mehrere Jahre. Bei ausbleibendem Erfolg würden eingezahlte Anteile erstattet - nach Abzug »unvermeidlich anfallender Kosten«, wie es heißt. Die Versammlungen könnten auch »an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden«, sagt Bluhm. Und zum Eintritt genötigt werden soll kein Mieter. Er nehme aber eingeschränkte Rechte zur Mitsprache in Kauf. Außerdem mahnt Bluhm: »Wenn alle nur Mieter bleiben, kann die Idee der Genossenschaft nicht funktionieren.« Dann, ruft es aus dem Saal, »kommt ein Fremder«. Ob die Genossenschaft das verhindern kann, wird sich nach dem 22. Juni zeigen. Bis dahin will sie ein »unverbindliches« Angebot abgeben.

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