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Alexander Ludewig
01.06.2012
Einwurf

Unfall 2.0

»So einzigartig wie Berlin«, bezeichnet sich Hertha BSC selbst. Parallelen zwischen der Hauptstadt und dem dort ansässigen Fußball-Bundesligisten gibt es in der Tat einige, wenngleich keine allzu rühmlichen. Schulden haben beide. Allerdings hat die Alte Dame in den letzten Wochen ziemlich an Anziehungskraft verloren, so sexy wie die Weltstadt ist sie in der Zweitklassigkeit wohl nicht mehr. Nachdem in zweiter sportgerichtlicher Instanz der Abstieg nicht abgewendet werden konnte, haben die Mitglieder von Hertha BSC auf der Vereinsversammlung einen Einspruch dagegen vernünftigerweise abgelehnt.

Um im Bild zu bleiben: Was für Berlin der Skandal um den neuen Hauptstadtflughafen ist, ist für Hertha BSC der zweite Abstieg innerhalb von zwei Jahren. Allerdings wiegt dieser jetzt sehr viel schwerer, als der 2010, den die Vereinsverantwortlichen als »Betriebsunfall« verniedlichten. Unter größtem finanziellen Aufwand gelang der sofortige Wiederaufstieg. Nun geht es mit halbiertem Personaletat (13 Millionen Euro) und erheblichen Schulden ins Unterhaus. Leistungsträger wie Raffael werden diesmal nicht zu halten sein, Geld für neues, qualitativ gleichwertiges Personal ist nicht vorhanden. Unfall 2.0 sozusagen.

Zudem drohen einigen Spielern nach den Vorfällen im Relegationsspiel bei Fortuna Düsseldorf empfindlich harte Strafen. Der Deutsche Fußball-Bund fordert für Kapitän Lewan Kobiaschwili nach dessen Angriff auf Schiedsrichter Wolfgang Stark gar eine Sperre von einem Jahr. Torwart Thomas Kraft, André Mijatovic und Christian Lell drohen vier bis sechs Wochen Pause. Dem Einspruch der Berliner in dieser Sache ist mehr Erfolg zu wünschen.

Am tragischsten allerdings ist die fehlende Selbstreflexion bei Hertha BSC. Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz dürfen einfach weitermachen. Zwei Abstiege und fünf verschiedene Trainer in zwei Jahren sind im Berliner Fußball scheinbar immer noch ein ausreichend gutes Zeugnis. So konnte Preetz auf der Mitgliederversammlung stolz den sechsten Übungsleiter unter seiner Ägide präsentieren: Jos Luhukay.

Applaus gab es für den Coach, der den krassen Außenseiter FC Augsburg in der ersten Liga gehalten hat. Ein Fünkchen Hoffnung? Könnte man denken. Doch was sagte der 48-Jährige bei seiner offiziellen Vorstellung: »Wir müssen den Betriebsunfall korrigieren.« Die Demut, einer der Augsburger Erfolgsfaktoren, ist Luhukay im neuen Trainingsanzug ziemlich schnell abhanden gekommen. Hertha BSC und Berlin passen scheinbar doch zusammen.


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