Von Art Kohr
02.06.2012

Zweite Premiere nach über 1000 Jahren

MAKRUK-TURNIER: Zwei Zwölfjährige aus Bangkok und Hamburg kommen auf die Plätze eins und zwei

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Makruk-Talente: Turniersieger Panwasso Jinaporntham aus Bangkok (r.)

Durch die überfluteten Reisfelder schiebt sich die Armee voran, Elefanten, Reiter und Fußsoldaten. Schritt für Schritt im kniehohen Wasser, langsam aber unaufhaltsam. Die Flanken werden geschützt von flachen schnellen Booten.

Eine amphibische Militäroperation, wie sie sich unzählige Male wiederholt hat in der wechselvollen Geschichte Südostasiens. So dass jenes Szenario - an diesem Frühsommertag in Hamburg anschaulich gemacht mit einer Installation aus farbenfrohen Figuren - zugleich auch zur Ausgangslage geworden ist für das strategische Spiel »Makruk«. Nach seiner ersten Blüte während des Aufstiegs der Khmer-Kultur im 10. Jahrhundert, feiert es justament dieser Tage eine zweite Weltpremiere: im Asien-Afrika-Institut gleich neben dem Hauptgebäude der Hamburger Universität.

Zum ersten Mal versammeln sich Fans der besagten Schachvariante, die in Thailand, aber auch im benachbarten Kambodscha viel populärer ist als die international standardisierte Version des Mattsports, viele tausend Kilometer fern der Heimat, um in der Diaspora ein richtiges Turnier auszutragen. Zu gewinnen ist ein Cup, den das örtliche Honorargeneralkonsulat gesponsert hat, und das passt zum Anlass des Turniers selbst. Es findet im Rahmen eines zweitägigen Symposiums statt, das 150 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Thailand würdigt. Den Pokal holt, wen wundert's, natürlich ein »Einheimischer«, der 12-jährige Panwasso Jinaporntham aus Bangkok. Sein Vater, der zweimal promovierte Dr. Dr. Suthin Jinaporntham, gehört übrigens zu den parallel tagenden Experten beider Länder.

Auf Platz 2 folgt jedoch, und das ist eine kleine Sensation, ein waschechter norddeutscher Jung': Anton Känner, 12, von der Inte᠆grativen Grundschule Grumbrechtstraße in Hamburg-Harburg. Eine tolle Leistung, schließlich hat der aufgeweckte Vize-meister die Feinheiten des Makruk, das umsichtige Planung und einen langen Atem verlangt, erst vor wenigen Wochen gelernt. Entsprechend locker nimmt es Anton Känner, dass er gegen Panwasso Jinaporntham am Ende den Kürzeren gezogen hat: »Ist doch klar, zu Hause in Thailand hat der das ohne Ende geübt.«

Dass Professor Volker Grabowsky, am Asien-Afrika-Institut zuständig für Sprachen und Kulturen Südostasiens, das Siamschach überhaupt in das Programm des Thailand-Forums aufgenommen hat, geht zurück auf eine Initiative des nd-Autors René Gralla (der auch das eingangs erwähnte Demo-Set gebastelt hat). Jede Partie ist nämlich in Wahrheit interaktiver Geschichtsunterricht: Führer der Nation wie König Tak Sin (1734 - 1782), der nach der Zerstörung der alten Hauptstadt Ayutthaya 1767 durch die Burmesen die Invasoren wieder vertrieb, haben Makruk als mentales Training geschätzt. Nebenbei regt das Spiel zu aufschlussreichen soziologischen Betrachtungen an. Sein Regelwerk schließt Blitzniederlagen wie das unter Schachamateuren berüchtigte Schäfermatt praktisch aus; das ist wichtig in einer Gesellschaft wie der thailändischen, die demütigenden Gesichtsverlust um jeden Preis vermeiden möchte.

Es handelt sich also um einen spannenden interkulturellen Dialog am Brett. Folgerichtig ist es keine Übertreibung, als Thaiistik-Dekan Volker Grabowsky das Makruk-Turnier mit den Worten eröffnet: »Ein wahrhaft historisches Ereignis!« Das zugleich in die Zukunft weist, weil die Teilnehmer des Pokalwettkampfes ausnahmslos junge Talente sind, und unter ihnen auch mehrere ehrgeizige Mädchen.

2013 soll es eine zweite Auflage geben. Der dann 13-jährige Anton Känner ist auf jeden Fall wieder am Start. Mit einer klaren Ansage: »Dann hole ich den Pott.«

Weitere Infos zum Thailand-Symposium 2012 an der Universität Hamburg: www.thaiistik-gesellschaft.de/archive/TT2012/thaitag2012.html; Regeln des Makruk: de.wikipedia.org/wiki/Makruk