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Michael Saager
02.06.2012

PLATTENBAU

Das Album als Herzensangelegenheit, die von außen nach innen strahlt: »Sweet Heart, Sweet Light«. Jason Pierce hat ein Händchen für wohlklingende Titel, die den Kern der Sache trefflich beschreiben. Man erinnere sich an das zweite Album seiner auf den personellen und musikalischen Trümmern von Spacemen 3 gegründeten Band Spiritualized. Dessen Titel war sogar noch besser: »Ladies and Gentlemen, We Are Floating in Space«.

Das melancholische Gospel-Wunder psychedelischen Wegdriftens aus dem Jahr 1997 gilt als das Meisterwerk der britischen Band. Es könnte sein, dass Pierce' jüngster Streich »Sweet Heart, Sweet Light« diesem Meisterwerk von einst den Rang abläuft. Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit. »Sweet Heart, Sweet Light« hat das Zeug zum zeitlosen Klassiker. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sich das Album allem allzu Modischen, dem Grellen und Schrillen sowieso, verweigert, ohne deshalb altmodisch zu wirken.

Anders gesagt hat Pierce Glück mit einer Gegenwart, die das Mash-up (den Genre-Mix) so hoch schätzt. Mit einer Gegenwart zumal, die Sixties-Soul, Krautrock, Sixties-Psychedelic und Shoegazer-Indiepop nicht erst seit gestern liebt. Um jene Genres zu nennen, die es dem 46-Jährigen besonders angetan haben.

Dass »ein Kessel Buntes« kein Garant für gute Unterhaltung ist, gehört zu den simpleren Wahrheiten des Geschäfts, mit denen man Pierce gar nicht erst kommen muss. »Simpel« ist indessen ein gutes Stichwort, denn obwohl für die mal zart schmelzenden, mal blumig pompösen Streicher-Arrangements die vier Isländerinnen der Gruppe Amiina an ihren Instrumenten saßen, für die zahlreichen gospelartigen Chorpassagen in den Refrains gar der Frauenchor von Leonard Cohens »So Long Marianne« verantwortlich zeichnet, ist »Sweet Heart, Sweet Light« im Kern doch ein bemerkenswert schlichtes Album.

Mehr als drei Akkorde sind selten zu hören, meist sind es weniger. So was steigert die hypnotische Wirkung. Vor allem, wenn es sich um einprägsam stumpfe Gitarrenriffs handelt. Die Strophen sind kurz, eher unprätentiös, umso mehr Wert legt Pierce - der nicht selten klingt wie eine leicht verstrahlte Mischung aus Bob Dylan, Lou Reed und Damo Suzuki (von Can) - auf die Refrains, die Hooklines; hier erstrahlt der enorme Pop-Appeal dieses an Velvet-Underground-Zitaten reichen Albums in vollem Glanz.

Wehmut, Nostalgie, Euphorie, Versöhnung, Liebe natürlich. Man möchte glatt die Arme heben, hinauf zum Himmel, und tut das vielleicht auch. Und glaubt, dass die Welt gut ist und wunderschön, voller Hymnen. Nach knapp einer Stunde ist die grandiose Platte vorbei. Der Wille zum Glauben schrumpft empfindlich. Zum Glück ist der gute alte CD-Player eine Wunschmaschine - mit Repeat-Taste.

Spiritualized: Sweet Heart, Sweet Light (Domino/Goodtogo)

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