Von Jenny Becker
02.06.2012

Aus München ins Pariser Parlament?

Franzosen im Ausland wählen eigene Abgeordnete - auch in Deutschland

Bei den französischen Parlamentswahlen können erstmals auch die im Ausland lebenden Franzosen eigene Abgeordnete bestimmen. In dem Wahlkreis, zu dem Deutschland gehört, kandidiert ein Franzose aus München für das Linksbündnis Front de Gauche. Der erste Wahlgang ist schon an diesem Sonntag.

In Frankreich findet am 10. Juni die erste Runde der Parlamentswahlen statt. Über 6500 Kandidaten ringen um 577 Sitze. Auch Deutschland gehört zu den Wahlkreisen - eine Premiere. Dank einer Änderung der französischen Verfassung können erstmals auch die 1,5 Millionen im Ausland lebenden Franzosen eigene Abgeordnete bestimmen. Damit werden sie ab sofort nicht mehr nur mit zwölf Senatoren im Senat vertreten sein, sondern auch in der Nationalversammlung. Die Welt wurde dazu in elf Bezirke unterteilt, die je einen Abgeordneten stellen. Deutschland gehört zum Bezirk 7, der Mitteleuropa mitsamt den Balkanländern umfasst.

Unter den 15 Kandidaten, die in diesem Wahlkreis antreten, ist auch Eric Bourguignon aus München. Der Franzose ist 38 Jahre alt, lebt mit einer deutschen Frau und dem gemeinsamen Kind in der bayerischen Hauptstadt, wo er als wissenschaftlicher Referent bei einer privaten Agentur arbeitet. Sollte es gut für ihn laufen, zöge er bald für das Linksbündnis Front de Gauche ins französische Parlament ein. Dann würde er zwischen München und Paris pendeln, »das ist auch nicht anders als von München nach Berlin«, sagt er zuversichtlich.

Die Auslandsfranzosen wählen eine Woche früher als ihre Landsleute zu Hause. Sie gehen schon an diesem Sonntag in Konsulate oder französische Kultureinrichtungen, um ihre Kreuze zu setzen. Auch per Internet ist die Stimmabgabe erstmals möglich.

Bisher gab es in Frankreich nicht einmal die Briefwahl. Im Ausland lebende Franzosen mussten etwa bei einer Präsidentschaftswahl einen Landsmann ihres Vertrauens mit der Wahrnehmung ihres Stimmrechts beauftragen. In diesem Jahr aber konnten sie bequem in Wahllokalen mitten in Deutschland abstimmen. Hierzulande nahmen knapp 30 000 von rund 114 000 Franzosen am zweiten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl teil, eine Mehrheit stimmte für François Hollande.

In Deutschland leben die meisten Franzosen des gesamten Wahlkreises, sagt Bourguignon. Bei seinem Wahlkampf hat er zwar vier der 16 Staaten besucht, die im Bezirk 7 liegen - Deutschland, Österreich, Ungarn und Tschechien -, doch sein Augenmerk galt der Bundesrepublik. Hier wiederum lebe der Großteil seiner Landsleute in Bayern und Baden-Württemberg. »Wer Süddeutschland gewinnt, hat die Wahl gewonnen«, meint Bourguignon.

Dass er seit sechs Jahren dort wohnt, könnte von Vorteil sein. Erst kürzlich gesellte er sich zu einem Picknick von 100 Franzosen im Englischen Garten in München, um seine Flugblätter zu verteilen. »Nicht alle hatten schon begriffen, dass jetzt die Möglichkeit besteht, einen eigenen Abgeordneten zu wählen.« Auch der französische Radiosender France Info kritisierte, dass die Informationen über die neue Beteiligungsmöglichkeit außerhalb von Frankreichs Grenzen schlecht vermittelt worden seien.

Eine hohe Wahlbeteiligung erwartet Bourguignon nicht. »Viele sind integriert und fühlen sich nach 20 Jahren im Land eher als Deutsche.« Themen, für die sich die Auslandsfranzosen dennoch interessieren, seien die Qualität der Bildungseinrichtungen, der Konsulate und der französischen Kulturinstitutionen in Deutschland.

Bourguignon und die Front de Gauche setzen im Wahlkampf einen besonderen Schwerpunkt auf die deutsch-französischen Beziehungen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Élysée-Vertrages 2013 will das Linksbündnis den bilateralen Kontrakt fortschreiben und Maßnahmen für eine Dauer von 30 Jahren festlegen. Dazu gehören die Schaffung von 10 000 bilingualen Krippen- und Kindergartenplätzen sowie von 1000 Stellen für Deutschlehrer in Frankreich und ebenso vielen für Französischlehrer in der Bundesrepublik. Doch auch die bilateralen Beziehungen mit anderen Staaten, vor allem in Osteuropa, sollen ausgebaut werden. Zudem unterstreicht Bourguignon die ökologische Ausrichtung seiner Partei. Man wolle beispielsweise dafür sorgen, dass Firmen zum Energie- und Materialsparen verpflichtet werden.

Für die Auslandsfranzosen ist die neue Wahlregelung ein Weg, um mehr am politischen Leben Frankreichs teilzuhaben. Vielleicht werden sie sich dank ihrer neuen Repräsentanten in Paris wieder stärker mit ihrem Heimatland verbunden fühlen und an den nächsten Wahlen rege beteiligen. »Stellen Sie sich vor: In einigen Wochen gibt es in Paris einen Abgeordneten, der für die Franzosen spricht, die in Deutschland wohnen!«, schwärmt Bourguignon. »Und er wird nicht etwa ein Botschafter sein, sondern anders sprechen können und parteipolitisch zugeordnet sein.« Das werde auch die Nationalversammlung verändern. Es könne eine Weile dauern, überlegt Bourguignon, doch früher oder später werden die Abgeordneten in Paris »verstehen, dass die französische Gemeinschaft im Ausland auch wichtig ist«.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken