Von Volkmar Draeger
02.06.2012

Depp mit Herz contra Fiesling

»Von hinten durch die Brust ins Auge« schießt man im Renaissance-Theater

Am Anfang schaut das Stück wie eine normale Ehekrise aus. Peter hat sich auf das wöchentliche Essen bei Freunden vorbereitet: Jeder bringt dazu einen Gast mit, den er für einen Volltrottel hält; zum Amüsement aller wird der Spinner des Abends gekürt. Peter ist diesmal ein besonderer Fang ins Netz gegangen, ein Finanzbeamter, der zum Hobby Gebäude aus Streichhölzern baut, so fanatisch, dass seine Frau das Weite gesucht hat. Das könnte eine Gaudi werden! Doch Peter erleidet einen Hexenschuss, der ihn nur noch kriechen und jaulen lässt. An das Treffen ist nun nicht mehr zu denken. Außerdem weigert sich Gattin Christine, ihn zu dem fragwürdigen Spaß zu begleiten, verlässt wütend die elegante Wohnung, ruft später an, um zu verkünden, sie kehre nicht mehr heim. Da hat das Unglück schon seinen Lauf genommen.

So beginnt in einer Fassung für das Renaissance-Theater Francis Vebers weltweit erfolgreiche Komödie »Le Dîner de Cons«, die 1993 in Paris uraufgeführt wurde, unter dem griffigen Titel »Dinner für Spinner« seit 1994 auf deutschen Bühnen reüssiert, den Film preisgekrönt 1998, dann nochmals 2010 eroberte, sogar als Bollywood-Produktion begeisterte. »Von hinten durch die Brust ins Auge« heißt länglich die jetzt in Berlin spielende Version für die gediegene Bühne an der Knesebeckstraße. Momme Röhrbein hat sie in ein gutbürgerliches Ambiente verlegt, und Verleger ist jener Peter, der mit falschem Versprechen Gewinn gemacht hat. Frank, den so gutmütigen wie naiven Bastler von Streichholzmodellen, lockte er mit einer Buchpublikation zu dem frivolen Abendessen, mit dem sich eine saturierte Kaste von Arrivierten auf unmoralische Weise verlustiert. Frank war nicht mehr zu stoppen: Peters schmerzverzerrter Anruf, das Abendessen müsse ausfallen, blieb unbeantwortet. Gattin fort, Frank in der Wohnung, das ist Peters Desaster.

Es beginnt wortlos, denn eine Konversation scheint, nach Luft schnappend, nicht aufzukommen. Abhilfe schafft, was Peter heute überhaupt nicht interessiert: Bilder der Hölzchenmodelle. Frank offeriert sie so liebenswert, dass er die Zuschauer gleich auf seiner Seite weiß. Gleiches Schicksal, sitzen gelassen von der Frau, verschweißt beide dann zum Zweckbündnis: Frank möchte nur helfen, Peter nutzt ihn erst widerwillig, dann schamlos aus. Bei Justus, Christines Ex-Lover soll er als Filmboss anrufen und herausfinden, ob die Flüchtige dort ist. Frank erreicht zunächst die Falsche, Peters Geliebte Cindy, knüpft dann die rechte Leitung, doch was Peter vermeiden will, tritt ein: Beide, Justus, dem er Christine ausspannte, und Cindy kommen, um zu helfen.

Als unvermutet Christine auftaucht, sich versöhnen will, hält Frank sie für Cindy, wimmelt sie ab und verrät ihr dabei die Liebschaft mit Cindy. Frank redet sich um Kopf und Kragen, für Peter wird die Situation immer brenzliger, und das unterhält bestens. Denn Justus weiß, bei wem Christine stecken könnte, und den kennt Frank, weil der eben vom Finanzamt tiefengeprüft wird. Sooft Peter den lästigen Streichholzvirtuosen rauswirft, muss er ihn zurückholen, weil er seine Dienste braucht, etwa für die Rufnummer jenes finanzkontrollierten Frauenverstehers. Die hat ein Kollege von Frank, den er auftreibt, trotz Fußball zum Gang ins Finanzamt animieren, mit der Akte dann zu Peter ordern kann. Wallach ist ein scharfer Prüfer, was Peter bald zu spüren bekommt, doch auch Wallach ist verwundbar: Franks Anruf beim Lover von Christine, seine letzte Irrsinnstat, legt offen, dass der gerade Wallachs Frau »bearbeitet«.

Wie sich die Dinge durch Cindy zuspitzen, am Ende dennoch leidlich entwirren und das Gute siegt, was man von einer zünftigen Komödie erwarten darf, klärt sich nach den zwei Stunden Spieldauer auf. Guntbert Warns hat sie kurzweilig gestaltet, die pointenglänzenden Dialoge so turbulent und transparent in Szene gesetzt, dass es eine wahre Pracht ist. Keine komische Vorlage bleibt ungenutzt, nirgendwo indes platter Klamauk. Dafür steht freilich auch eine exquisite Darstellermannschaft, der die Regie Raum für eigenes Zutun bietet. Wenn drei der fünf Protagonisten in ihren sieben Rollen Absolventen der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« sind, wirft das ein Schlaglicht auf deren Ausbildung. Robert Gallinowski ist, oft dem Schlaganfall nahe, der fiese, gebeutelte Verleger, dem Bastler Frank auf den Leim geht: Was Boris Aljinović gestisch und wortartistisch aus dem Part des Deppen mit Herz macht, ist die Glanzleistung des Abends. Anika Maurer als blonde Christine und schwarzstrippige Cindy, Kai Maertens als Arzt und Justus, Thomas Schendel als der umwerfend deftige Wallach haben da fast Stichwortfunktion.

Bis 16.9., Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Kartentelefon: 312 42 02, www.renaissance-theater.de