Von Hendrik Lasch, Bautzen
05.06.2012

Vielsprachiger Fußball

Sorben sind Gastgeber für zweite EM der europäischen Minderheiten

Im Schatten der »großen« Fußball-EM findet in der Lausitz ein Championat statt, an dem 20 Mannschaften europäischer Minderheiten teilnehmen. Es ist ein sportliches ebenso wie ein politisches Ereignis.

Ein Trainingslager gibt es nicht. Während die deutsche Nationalmannschaft gerade ein luxuriöses Hotel in Polen bezogen hat, um sich in aller Stille und Abgeschiedenheit auf die Kontinentalmeisterschaft vorzubereiten, treffen sich die Kicker der sorbischen Mannschaft jeden Mittwoch nach der Arbeit zum Training. Am Donnerstag gibt es ein letztes Testspiel gegen eine Mannschaft aus Radibor, nächste Woche wird noch dreimal trainiert. Und dann wird es ernst: Auch die Sorben bestreiten das Auftaktspiel einer Fußball-EM, und zwar gegen die deutsche Minderheit aus Polen, die Zeitungsberichten zufolge fest entschlossen ist, Gold zu holen.

Das Turnier, das am 16. Juni beginnt, haben wohl nur die wenigsten europäischen Fußballfans auf dem Schirm - es sei denn, sie gehören einer der nationalen Minderheiten an. Diese spielen zum zweiten Mal um einen eigenen Meistertitel. »Europeada« heißt das Championat, das in diesem Jahr in der sächsischen Lausitz stattfindet. Insgesamt reisen 20 Mannschaften mit rund 600 Spielern und Betreuern an. Der Sieger des Finales, das am 24. Juni in Bautzen ausgetragen wird und womöglich sogar in Ausschnitten im MDR zu sehen ist, erhält einen Pokal, der aus Granit und Lindenholz besteht und neben einem Fußball auch das Blatt einer Linde zeigt. Das ist das Nationalsymbol der Sorben.

Mit dem Turnier, dessen Spiele an acht Orten stattfinden, kehrt die Minderheiten-EM »zu ihren Wurzeln zurück«, sagt Susann Schenk von der Föderalistischen Union der europäischen Volksgruppen (FUEV), dem Dachverband der Minderheiten. Die Idee, ein eigenes Championat zu veranstalten, sei bei einem FUEV-Kongress in Bautzen im WM-Jahr 2006 entstanden. Zwei Jahre später fand das erste Turnier statt, das mit 17 Teilnehmern in der Schweiz ausgespielt wurde. Die Sorben freuen sich besonders, dass sie Gastgeber für die zweite Auflage just im Jahr des 100. Geburtstags der Domowina sein können, so deren Vorsitzender Dawid Statnik. Der Dachverband der Sorben ist gemeinsam mit der FUEV Veranstalter des Turniers. Schirmherr ist Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der selbst Sorbe ist.

In den neun Turniertagen wird in der ohnehin zweisprachigen Lausitz eine noch größere sprachliche Vielfalt herrschen. Anreisen werden neben der Mannschaft des Titelverteidigers aus Südtirol beispielsweise auch Teams der ungarischen Roma, der Waliser, der Kärntner Slowenen oder der Zimbern, einer kleinen, deutschstämmigen Minderheit in Norditalien. Aus Deutschland treten neben den Sorben die dänische Minderheit sowie die Nordfriesen an. Alle Spieler sind Amateure - was für eine gewisse Unsicherheit sorgt: Die deutsche Minderheit in Dänemark musste ihren Startplatz freigeben, weil nicht alle Spieler Urlaub bekamen. Dafür wird ein Nachrücker ermittelt, sagte Schenk.

Neben der sportlichen hat das Championat, das bewusst parallel zur »großen« Fußball-EM in Polen und der Ukraine ausgetragen wird, auch eine politische Bedeutung: Es soll zeigen, dass Europa neben den durch ihre Nationalmannschaften vertretenen Ländern auch durch dort lebende Minderheiten maßgeblich geprägt wird. »So vielfältig, wie Europa ist, ist auch unser Teilnehmerfeld«, sagte Schenk. Die Meisterschaft sei »nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern auch ein Bekenntnis zu Sprache und Nationalität«, sagt Domowina-Chef Statnik. Er weist zudem darauf hin, dass es in Europa auch Minderheiten gibt, denen Anerkennung und grundlegende Rechte verweigert werden.

Die Sorben haben sich für die Heim-EM ehrgeizige Ziele gesteckt. Vor vier Jahren hatte es die Auswahl der kleinen Minderheit, die gerade einmal 60 000 Angehörige zählt, bis ins Viertelfinale geschafft. »Diesmal ist das sportliche Niveau aber höher«, sagt Trainer Frank Rietschel: »Nur mit Enthusiasmus und dem Heimbonus wird man nicht weiterkommen.« Die 23 Spieler aus acht Vereinen, die es in den Kader geschafft haben, werden daher noch kräftig trainieren und an der Abstimmung in der Mannschaft arbeiten müssen: Das vorletzte Testspiel gegen den sächsischen Landesligisten SV Einheit Kamenz ging noch mit 0:8 verloren.