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Von Stefan Amzoll
06.06.2012

Feldherr. Schöngeist?

Intersonanzen - Friedrich der II. im Fokus des Brandenburgischen Fests der neuen Musik

Kerlls mit zwei »ll«. Denn der große Friedrich soll zwar mit dem »R« gegurgelt haben, á la francaise, jedoch viel lieber soll er das »L« gedehnt haben. Das stimme nicht? Gute Kunst stimmt immer. Sie kann den melodienfröhlichen General (der, ahja, so kulturvoll gewesen sei) nach Belieben umtreiben lassen, ihn montieren, demontieren, ihn bebellen, belächeln. Sie kann ihm güldene Hörner aufsetzen. Nasse Trompetenstöße ins Ohr setzen. Ihn selber - wie vor ihm der »Soldatenkönig« es seinen Schergen befahl - Spießruten laufen lassen. Ihn enthaupten, weil schuldig am Tod von unzählig mehr als 800 im Handgemenge Ermordeten.

Was liegt näher, als sich den Hornsignalen, dem Schnauben der Gäule, dem Quietschen der Gefährte ganz hinzugeben? Attacca! Der Fahne Ehre machen! Kunst kann zeigen, wie der alte oder junge »Fritz« mit Peitschmitteln im Blute zungeschnalzend seine Preußentruppe nach vorne wirft - llll, rrrr - und selber stolpert und kriecht und schießt und krepiert. Sie kann mühelos den geschichtlichen Augenblick erfassen und die Mauern preußischer Tempel einstürzen lassen. Ja, vieles mehr wüsste sie zu tun, wenn sie es nur wüsste und - wollte.

Die Fahne des Fridericianismus, auch Friedrichs Flötengetön, sind in Blut getränkt. Die hiesige Feier, zelebriert vom Personal der maßgeblichen Kultur, übergeht das weitgehend. Einer von den wenigen, deren Augen wach sind und deren Hirn sich nicht umblicken muss, tut das nicht: Friedrich Schenker hat für und auf das Preußenkönig-Jahr allerherzlichst ein »fridericianisches Pandämonium« komponiert und es »Kerlls, wollt ihr ewig leben« genannt. Unheiliges Stück im heiligen Jahr des Geschichtsheldentums à la prusse, aufgeführt bezeichnenderweise im »Friedenssaal« der »Friedenskirche« zu Potsdam, im Rahmen des Brandenburgischen Fests der neuen Musik »Intersonanzen«.

Motto des Festivals: »Friedrich, Feldherr und Schöngeist« (künstlerische Leitung: Susanne Stelzenbach und Henry Mex). Zu erleben war an vier Tagen ein Feld von Möglichkeiten, neue Musik zu spielen. Von Field Recording, dem Spiel mit Objekten und improvisierter Musik bis hin zum klassischen Kammerkonzert. Zum Zuge kamen Solisten, Ensembles aus Schweden, Südkorea, der Schweiz, Österreich und Deutschland. Drei Konzerte - sie tragen je Überschriften - seien angeführt.

»Blech und Trommel« bestritt das Berliner »Ensemble Brass Invent« im Atrium vor Säulenheiligen wie »der Herr« oder Heroen ähnlich Zeus und den Musen. Hoch reckt der Turm. Wind blies im Säulenhof. Nur wenig Leute dort. Zwei harmonisch gespitzte Fanfaren von Hubert Kross eröffneten den Reigen. Albert Breiers »Preußischer Totenmarsch« war eher ein breierner. Stürzend hin und her das Schlussstück von Susanne Stelzenbach: »vor & zurück - ohne nachschub ist keine Armee tapfer (Friedrich II)«, so der Titel. Es erfindet selber Topoi von Märschen, spielt mit diesen, lässt sie anrücken, wieder wegrücken. Es zitiert das Eigene kurzzeitig, mal blank, mal deformiert, lässt es stürzen, ja abstürzen. Schöne Arbeit.

Der Auftritt in »Nah und fern« des Janus-Ensembles aus Niederösterreich, Streichquartett (ohne 2. Violine, mit Kontrabass) und Holzbläser (Saxophone, Klarinette, Bassklarinette) kostete ungeheuren Aufwand. Neun Piecen bewältigte es. Der Ertrag: zumeist konventionelle, neoklassizistische, allbekannte Jazz- und Pop-Idiome einflechtende Musik. Am quälendsten »the devil dances in the empty pocket«. Dunst, Qualm, elektronisch angepeppt. Immerhin stach in Henry Mex’ »Little big bass« für E-Bass und Steicher die kühn-wilde E-Bass-Solonummer (Manuel Mayr) heraus. Wirklich interessant einzig Taymur Strengs »Stück für Kontrabass und Liveelektronik« als Uraufführung mit demselben Bassisten Mayr. Ein absolut ausgehörtes Werk, spannend im zarten wie brüchigen Abtausch der beiden Klangmedien. Der Mann ist auf dem Wege.

Zu guter Letzt spätabends »Mit Pauken und Trompeten«. Da kam zu Beginn ein eindrucksvolles Solobläserstück von Martin Christoph Redel: »Sonnet pour Cornet« mit Nikita Istomin. Alsdann Peter Köshegys »seelengeleiter« für zwei Trompeten und Percussion. Es führt still in Vierteltonspannungen und langen Haltetönen eine eigenartige, meditative Poesie mit.

Schlussstück: »Kerlls, wollt ihr ewig leben« für zwei Trompeten, Horn, Posaune, Basstuba und Schlagzeug von Friedrich Schenker. »Abrechnung mit der Friedrich-Verehrung«, wie Schenker es nennt, erfüllt von tiefer Trauer, wie bissig, unflätig, rüde sie auch daherkommt. Eine Schar humpelnder, schleichender, müder Soldaten - im Raum gruppiert - kehrt heim aus der Schlacht. »Hurrahuhu« brummen abwechselnd die Spieler, »BLUT, Zahn, Aug, ohnbein, ohnarm«, »HORROR«, »HURRA«, »kot, wut, jud«. Ein Lamento, das nicht aufhört. Gleichzeitig entwickeln die Spieler des »Ensembles Brass Invent« einen »wahnsinnigen Musizierdrang«.

Verdeckt zitiert der zweite Teil sinnreich Motive aus Bachs »Musikalischem Opfer« (Friedrich erstellte hierfür einst das Thema) und konfrontiert diese Reminiszenz mit dem Ausdruck der Peitschungen bei Spießrutenlauf. Die Bläser atmen - ein, aus. Stöhnen, prusten, winseln. Ein Hieb- und Leidensgesang.

Der Schluss ist eine »Höllenparade«. Dunkel die Farben der Bläser, drohendes Schlagwerk, Luftgeräusche, dazwischen Choralgebärden, Seufzer. Wiederkehrende Luftgeräusche, zuletzt nur noch Luftgeräusche. Groß die Musiker von »Brass Invent«.

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