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07.06.2012

Bewerbungsschreiben

Kommentar von Aert van Riel

Der Zwischenbericht der Grünen Projektgruppe ist ein großer Rückschritt im Aufarbeitungsprozess der neoliberalen Verwerfungen während der Schröder-Epoche. Nachdem Teile der Grünen sich kurz nach ihrer Abwahl aus der Bundesregierung im Jahr 2005 dafür eingesetzt hatten, die sozialen Folgen der von Rot-Grün durchgesetzten Hartz-Gesetze zumindest etwas abzufedern, indem sie sich unter anderem die Forderung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nach einer Erhöhung der Regelsätze auf 420 Euro im Monat zu eigen machten, ist nun in dem Bericht nur noch von einer Anhebung auf 391 Euro die Rede.

Die Grünen wollen unbedingt wieder mitregieren. Sie wissen, dass das Geld in den öffentlichen Kassen knapp ist. Deshalb werden »realistische Konzepte« ausgearbeitet, in denen Schwerpunkte auf Investitionen in Bildung und in die Energiewende gelegt werden. Diese sind aus gesellschaftlichen und ökologischen Gründen zweifellos notwendig. Ebenso wichtig sind aber auch Hilfen für diejenigen, die sie dringend benötigen. Das gilt auch für die Energiepolitik, deren soziale Komponente von den Grünen bisher vernachlässigt wurde. Für eine soziale Energiewende müsste entweder der Staat die Energieversorgung in die Hand nehmen und die Preise festlegen, oder Hartz-IV-Betroffenen wenigstens so viel Unterstützung gewähren, dass sie ihre Stromrechnung bezahlen können. Die zusätzlichen Sozialausgaben für Regelsätze, die ein Leben in Würde ermöglichen, könnten durch eine Wiedereinführung der Vermögensabgabe und eine drastische Erhöhung des Spitzensteuersatzes ausgeglichen werden. Aber die Grünen scheuen solche radikalen Umverteilungsforderungen, um nicht die vielen Besserverdienenden unter ihren Wählern zu verprellen. Das Prekariat spielt als möglicher Unterstützer in den Überlegungen der sich bürgerlich gebenden Partei dagegen offenbar keine Rolle.

Darüber hinaus zeigen die Grünen mit ihrem vorläufigen Finanzierungskonzept eine große Offenheit für mögliche Bündnisse nach der Bundestagswahl 2013. Es ist zu erwarten, dass auch die Union die Regelsätze leicht erhöhen wird, um den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts gerecht zu werden. Auch die SPD fordert schwammig eine Anpassung. Somit liest sich das Papier der Grünen wie ein Bewerbungsschreiben als künftiger Juniorpartner an die beiden großen Parteien.

1 Kommentar

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  • Dr.Noetigenfalls / 07. Jun 2012 13:52

    Umverteilen vs. teilen oder Teilhabe

    Es geht weder um ein Umverteilen noch um drastische Maßnahmen wenn von der Finanzierung für Irgendwas die Rede ist. Die Wortwahl ist genauso Falsch wie der Terminus des "Radikalen", der gerne Missbraucht wird um Demokratische oder solidarische Strukturen durch die Politik zu verhindern. Es geht um die gesellschaftliche Beteiligung durch Steuer!

    Ein Arbeitnehmer mit 2000 Euro Brutto beteiligt sich ja an dem im Grundgesetz und Verfassung verbrieften Sozialstaat, aber genau so muss sich derjenige der viel Verdient beteiligen und wenn die Unternehmenssteuerreform dafür gesorgt hat das Unternehmen gar keine Steuern mehr bezahlen durch die geschaffenen Möglichkeiten im Steuerrecht, ist das genauso Ungerecht wie die Möglichkeiten die der Vielverdiener nutzen kann um sein Geld Steuerfrei zu nutzen. Das muss wieder Umgekehrt oder geändert werden. Die Zerschlagung des Sozialstaats, für den uns die halbe Welt beneidet hatte und der in den Skandinavischen Ländern seine Fortsetzung findet und gesellschaftlicher Erfolg sich auch oder meiner Meinung nach ausschließlich an der Familienplanung festmacht, wird auf diesem Wege weiter geführt.

    Umkehren wenn der falsche Weg eingeschlagen wurde, von Drastisch oder Umverteilen reden nur die, die unter Umständen gar nichts Verändern wollen? Wobei das Umverteilen und hier zitiere ich: "Umverteilen von oben nach unten" auch Eingang in die Schulbücher erhalten hat und die 8 Klasse eines Gymnasiums wird dabei gefragt, warum das für ein Land wie Deutschland aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht richtig, oder sogar Schädlich sein kann ist? Den gesellschaftlichen Nutzen kennen wohl nur diejenigen, die davon profitieren das der Arbeitnehmer der 2000 Euro im Monat verdient, mehr Steuern zahlt wie derjenige der 20000 Euro verdient!

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