Von Tobias Riegel
08.06.2012

Elefanten und DDR-Rokoko

Staatsoper: LINKE will Baustopp und fühlt sich von Sozialdemokraten »über den Tisch gezogen«

Die Vorgänge um die nochmals um ein Jahr auf 2015 verschobene Wiedereröffnung der Staatsoper unter den Linden und die sehr wahrscheinliche Verteuerung des ohnehin gigantischen Sanierungsprojekts seien ein Skandal, befindet der kulturpolitische Sprecher der Berliner LINKEN, Wolfgang Brauer. Und mitnichten der normale Gang der Dinge bei Projekten dieser Größenordnung, wie es Teile der SPD im Moment darstellen würden.

Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) etwa hatte Anfang der Woche im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses gesagt, bei der Arbeit mit Altbausubstanz müsse man mit Unvorhersehbarem eben rechnen - sonst könne man »gar nichts mehr bauen«. Laut Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ist das Projekt zudem ohnehin »noch in den Kosten«.

Letzteres wiederum stößt bei der Opposition auf Unglauben. Schließlich kostet allein der Verbleib des Spielbetriebs im Ausweichquartier Schillertheater laut Brauer vier Millionen Euro pro Jahr. Von den möglicherweise zu erwartenden Aufschlägen der Baufirmen wegen Verzögerung ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass bei der anstehenden Sanierung der Komischen Oper nun ebenfalls Verzögerungen drohen, da das Haus in der Behrenstraße ebenfalls ins - nun länger besetzte - Schillertheater ausweichen muss.

Bevor nun die Kosten- und Zeitpläne völlig aus dem Ruder laufen würden, plädieren LINKE und Grüne für ein Innehalten bei einem der momentan größten und teuersten Kulturprojekte Berlins - also für einen Baustopp mit der Möglichkeit der Umplanung. Ein Verfahren, das die Regierungskoalition mit Verweis auf die bereits investierten 170 Millionen Euro und zusätzlich entstehende Verzögerungen ablehnt.

Am Beispiel Staatsoper macht sich laut Brauer gar das »Scheitern der Opernstiftung« fest. Der Dachverband der drei Berliner Musiktheater habe es versäumt, inhaltliche Abstimmungen zu unternehmen. »Muss die Lindenoper denn unbedingt mit der (logistisch) ganz großen Oper mithalten, die in der Deutsch Oper geboten wird?«, fragt er nicht ganz zu Unrecht. Oder, wie er es im Kulturausschuss formulierte: »Brauchen wir an dieser Stelle ein Bayreuth, wo echte Elefanten auftreten können?«

Zudem fühlt sich die Linksfraktion beim Projekt Staatsoper von den Sozialdemokraten »über den Tisch gezogen«, wie Brauer betont. Ja, die LINKE habe in der rot-roten Koalition der Sanierung des Hauses Unter den Linden einst zugestimmt, »da klar war, dass am maroden Haus etwas passieren musste«, so Brauer. Da habe aber zum einen noch der zunächst allseits befürwortete, radikal-moderne Entwurf für den Zuschauersaal im Raume gestanden. Gebetsmühlenartig habe man sich zum andern schon sehr früh gegen jede Gigantomanie gewendet.

Außerdem sei die Voraussetzung für die Zustimmung der LINKEN die Kostendeckelung durch den Bund gewesen, der 200 der (bislang) etwa 240 Millionen Euro schultert. Und die Kostenneutralität für das Land Berlin. Letztere werde mit jeder Verzögerung und jeder weiteren Panne immer unrealistischer. »Alle Kosten, die nun noch entstehen, muss Berlin alleine schultern.« Darum fordern die LINKEN »Standardabsenkungen« beim Tunnelbau, dem Intendanzgebäude und dem Kulissenmagazin, die laut Brauer durchaus noch möglich wären.

Der mutige und reizvolle Entwurf von Klaus Roth, der 2008 verdient als Sieger aus einer Ausschreibung hervorgegangen war, wurde zunächst von Politik und allen Künstlern des Hauses gefeiert. Dann sei er aber »von einer Koalition aus Konservativen aller Parteien« zugunsten eines nun realisierten »DDR-Rokoko« verworfen worden, ärgert sich nicht nur Brauer über diese verpasste Chance, die Lindenoper architektonisch zu entstauben. »Pinselsanierung« nennt Brauer die nun umgesetzte, vielerorts als bieder empfundene Variante und wirft Wowereit vor, in dieser Sache »kalte Füße« bekommen zu haben.

Die Verbesserung von Akustik und Sichtverhältnissen, die beim klaren und zeitgemäßen Roth-Entwurf sozusagen automatisch Einzug ins Haus gehalten hätten, müssen bei der nun angestrebten Wiederherstellung des Paulick-Entwurfes kompliziert mit der altbackenen Architektur in Einklang gebracht werden.

Schon keimt mancherorts der Verdacht, dass es diese Schwierigkeiten mit der Akustik sind, die den Wiedereinzug des ausgelagerten Ensembles ins Stammhaus verzögern. Und eben nicht vorrangig die angeführten Holzpfähle im Fundament. An solchen bislang reinen Spekulationen will er sich aber nicht beteiligen, betont Brauer.

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