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Von René Heilig
08.06.2012

Höllenengel, Banditen - und Nazis?

Erneut Großrazzia gegen Rocker im Berliner Umfeld

Rund 1000 Polizisten aus Berlin und Brandenburg sowie von der GSG9-Bundeselite durchsuchten gestern Clubräume und Privatwohnungen von Mitgliedern des Rocker-Chapters »Bandidos del Este« im brandenburgischen Hennigsdorf.

Der Einsatz war martialisch. Neben der Überraschung war Abschreckung geplant. Über dem »Bandidos«-Vereinsheim im Landkreis Oberhavel kreiste ein Hubschrauber, bei der Erstürmung wurden Blendgranaten eingesetzt. Elitepolizisten erklommen das Objekt per Leiter. Ein Hund verlor sein Leben. In den Räumen traf man neben dem Präsidenten Torsten S., einem Ex-Polizisten, zehn Personen an. Hintergrund der Aktion sei ein seit dem vergangenen Jahr bestehendes Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Drogenhandels und schwerer Bandenkriminalität, hieß es.

Es geht vor allem um den illegalen Vertrieb des Schmerzmittels »Tilidin«. Das Arzneimittel ist ein schmerzstillender Wirkstoff, der in der Krebstherapie eingesetzt wird. Als Droge unterdrückt es Schmerzen und Angstgefühle, es wird gern zum Aufputschen vor Überfällen genommen. Auch Kokain, Marihuana und Amphetamine sollen im Angebot der »Bandidos« sein. Gestern wurden sieben Haftbefehle vollstreckt. Auch die Möglichkeit, dass Rocker mit Waffen gehandelt haben, wird überprüft.

In der vergangenen Woche hatte es mehrere Anti-Rocker-Razzien in Berlin und Brandenburg gegeben. Eine der Aktionen gegen die »Höllenengel« war offenkundig verraten worden. Der Innensenator hatte zuvor die einflussreichste Hauptstadtgruppe der »Hells Angels« verboten. Doch bereits vorher waren mehrere Mitglieder dieses Chapters zu den üblicherweise verfeindeten »Bandidos« übergelaufen.

Ganz offenbar will man - so wie in der vergangenen Woche in der Innenministerkonferenz von Bund und Ländern zum wiederholten Mal angekündigt - die Rocker unter Druck setzen. Sie sind eine bedeutsamer und in der Regel äußerst brutaler Bestandteil der grenzüberschreitenden Organisierten Kriminalität. Sie haben mit Drogen-, Waffen- und vor allem Menschenhandel zu tun, beherrschen die Türsteherszene und in vielen deutschen Großstädten das Rotlichtmilieu. Zahlreiche Tätowierstudios und Kampfsportschulen sind wirtschaftlich legale Stützpunkte. Andere Mitglieder führen ein brav-bürgerliches Leben, sind sogar Angestellte von Kommunen.

Anfang des Monats waren bei einem Prozess in Kiel schwere Vorwürfe gegen den führenden »Hells Angels«-Chef Frank Hanebuth aus Hannover erhoben worden. Er soll persönlich die Anweisung zur Ermordung des türkischen Zuhälters Tekin B. gegeben haben. Außerdem habe Hanebuth in Kiel die Erlaubnis für den Gebrauch von Schusswaffen erteilt, sagte der frühere Chef der Legion 81, einer mittlerweile aufgelösten Hilfstruppe der »Angels«, aus. Zunehmend und bundesweit zu beobachten ist eine Zusammenarbeit zwischen Rockern, Hooligans und Rechtsextremisten. Neonazi-Kameradschaften versammelten sich in Rocker-Chaptern, Ein Beispiel sind Gliederungen des Gremium MC. Andere Rockergruppen wurden Auffangbecken für verbotene rassistische Blood&Honour-Banden.

In den aktuellen Verfassungsschutzberichten von Berlin und Brandenburg sucht man den Begriff »Rocker« vergebens. Was einigermaßen verwundern muss. Im Brandenburger Geheimdienstbericht 2010 war man sich des Zusammenhangs noch bewusst. Zwar beschrieb man die Herkunft der Rocker noch immer leicht romantisierend, bisweilen sind die Deutungen im Rosamunde-Pilcher-Duktus verfasst. Auch findet man Beschwichtigungen, wenn behauptet wird, dass - wie bei den Fußball-Hooligans - nur eine kleine Anzahl der »Freunde des motorisierten Zweirades« »gewaltbereit oder politisch extremistisch« sind. Immerhin erkannte man aber »in Einzelfällen ... Schnittpunkte« zwischen Rechtsextremisten und der Rockerszene. Trotzdem die Gefahren durch Nazikameradschaften wie durch Rockergruppierungen gewachsen sind, hat man das Thema im aktuellen ausgespart. Man muss, so sagte ein Sprecher des Innenministeriums, eben »Schwerpunkte setzen«.

Der Berliner Verfassungsschutz beansprucht für die Hauptstadt offenbar eine Sonderrolle. Man kümmere sich nicht um die Rockerszene, weil es »keine strukturelle Verbindung zu Rechtsextremisten gibt«. Kommentar Seite 4

Fotos: dpa/Bernd Thissen/Frank May

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