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Von Jirka Grahl, Lwiw
08.06.2012

Das UEFA-UFO ist gelandet

Im westukrainischen Lwiw läuft morgen die DFB-Elf auf - die Stadt hofft, von der Aufmerksamkeit der Deutschen zu profitieren

Aus ihrer Fünfsterne-Residenz bei Gdansk fliegen die deutschen Fußballer morgen zum ersten EM-Match gegen Portugal in die Ukraine. In Lwiw mit seiner pittoresken Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, werden Fußballer und Fans sehnsüchtig erwartet: Von Händlern, Wirten, Hoteliers, Volunteers, Einheimischen und 3000 Milizionären.

Mal abgesehen von der Altstadt: Wenn Lwiw für etwas bekannt ist, dann ist es das trübe Wetter. Und zuverlässig präsentiert sich der Himmel am Nachmittag den wenigen EM-Touristen, die schon in Lwiw sind, in blassem Grau. Auf dem berühmten Prospekt Svobody machen die Linden mit ihrem dichten Blattwerk die Stimmung noch schattiger. Es riecht nach dem berüchtigten Regen, der die 730 000-Einwohner-Stadt im äußersten Westen der Ukraine so oft heimsucht - »So oft wie London!«, sagen die Einheimischen. Und sie sagen es nicht ohne Stolz.

Auf dem Prospekt wird geschraubt und gebaut, Tontechniker checken den Sound der riesigen Boxen. »We will rock you« dröhnt es über den Prachtboulevard. Die übermächtige EURO-2012-Bühne mit ihrer Mega-Leinwand verwehrt den Blick auf das prächtige Opernhaus im Neorenaissance-Stil zwar komplett, doch Lwiw will den Gästen aus Europa das Beste bieten. Einen Empfang im Herzen der Stadt. Wo sonst die Pärchen flanieren und Rentner Schach oder Dame spielen, steht nun die 20 Meter hohe UEFA-Bühne. Wie ein UFO. Die UEFA ist gelandet. Besuch aus einer anderen Welt.

Jeder wird kontrolliert

Einige Passanten sind stehengeblieben am Haupteingang der offiziellen EM-Fanzone. Manche fotografieren, manche gucken einfach nur: Man sieht blonde Zöpfe, gelbe T-Shirts und blaue Uniformen dutzendfach. Unter dem UEFA-Portal wird versucht, sich den Ernstfall vorzustellen. Wie wird es sein, wenn ab Freitag bis zu 27 000 Menschen auf den umzäunten Platz drängen?

Jeder Besucher soll kontrolliert werden. Nichts soll schiefgehen. Ein Milizionär misst mit einer jungen Frau im gelben Volunteers-Shirt ab, in welchen Abständen die Gitter aufgestellt werden. Dahinter stehen gut sortiert zwei sehr verschiedene Hundertschaften. In Blau die Milizionäre, von denen 3000 hier für Ordnung sorgen sollen. In Gelb die Volunteers (Freiwillige) der Stadt, die sich überall im Zentrum verteilen sollen: »Please, ask your question!«

900 Freiwillige sind es in Lwiw, zu 85 Prozent junge Frauen, meist Studentinnen. Den Fußballfans wird es recht sein. »Wir freuen uns unheimlich auf die Gäste«, sagt Oksana, 20, die im dritten Semester Germanistik studiert und nun im Rathaus arbeitet. Unentgeltlich, für zwei Wochen, von 9 bis 23 Uhr.

60 Hochschulen hat die Stadt, 150 000 Studenten leben hier. Lwiw ist nicht nur Wissenschaftsstandort, sondern auch kulturelles Zentrum der Westukraine: 40 Museen, 15 Theater, 104 funktionierende Kirchen. Und dazu diese einzigartigen 120 Hektar Weltkulturerbe: die Altstadt mit dem Marktplatz Rynok und den Bürger- und Herrenhäusern, in deren Fassaden von Gotik bis zum Jugendstil alle Epochen zu bewundern sind. Eine einzigartige Konstellation. Lwiw wartet darauf, entdeckt zu werden, als Reiseziel ganz groß rauszukommen.

Eine Million Besucher kamen schon 2011 nach Lwiw, die meisten aus Polen, Deutschland, Russland, Frankreich, Großbritannien und den USA. 2012 sollen es dank des Fußballs 450 000 mehr sein.

Für die Stadt wäre es ein warmer Regen, wie Bürgermeister Andriy Sadovyi vorrechnet. Sadovyi ist ein parteiloser 43-Jähriger, sein Schritt ist gemessen, sein Blick geplagt. Eine Menge Termine in diesen Tagen, so wie dieser hier im städtischen Jugendtheater: Gerade hat er die Volunteers mit einer Rede auf die kommenden Tage eingeschworen. Nun warten die Reporter vor der Tür auf ihn. »Jeder Lwiw-Besucher gibt im Schnitt etwa 411 Dollar aus«. Das sind etwa 330 Euro und damit deutlich mehr, als der ukrainische Durchschnittsverdienst. 10 000 Arbeitsplätze sind dank der Europameisterschaft in Lwiw neu entsanden, allesamt im Tourismus.

Dass die EM Lwiw noch mehr in den Blick der Reiseweltmeister aus Deutschland rückt, sieht er als glückliche Fügung an. »Es wäre schön, wenn man uns in Deutschland endlich als europäische Stadt entdeckt«, sagt er, »als schöne Ecke, in der noch kaum jemand war.« Dass die Deutschen die Stadt noch immer Lemberg nennen, stört ihn nicht: »Das gehört zu unserer Geschichte.«

Viele Namen, eine Stadt

L'vov, Lwów, Lemberg, Leopolis - seit ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1256 hat die Stadt viele Namen getragen. Acht verschiedene Nationen hatten hier das Sagen, heute sieht man sich hier gern als Wahrer der ukrainischen Identität. Am Marktplatz Rynok kultiviert man diese Haltung im Kryjivka-Restaurant. Kein Schild verrät, dass sich im Keller ein Restaurant verbirgt. Wie in den Zeiten des Widerstandes gegen die Besatzer aus aller Herren Länder. Der Einlasser an der Tür fragt: »Parola?« Wer hier nicht mit »Herojam slawa!« (Ruhm den Helden!) antwortet, kommt angeblich nicht in das Restaurant, in dem mit gewöhnungsbedürftigem Humor auch »Dinner for Forest Gauleiter« serviert wird. Zur EM werden viele Touristen das Kryivka besuchen, mancher wird sich wohl fragen, ob mit der Bezeichnung nicht sogar der Danziger Gauleiter Forster gemeint ist? Ein bisschen Grusel gehört offenbar zum Reisen dazu.

Auf dem Rynok sieht man die Zeichen der »Besatzer« des Juni 2012: an vier Skulpturen aus dem Jahre 1793. Neptun, Diana, Amphitrite und Adonis wachen in den vier Ecken des Platzes, im EURO-Sommer haben sie gelbe Nationaltrikots übergestreift bekommen. Der Fußball regiert Lwiw.

Neben der Diana-Figur sitzen die ersten Fans im Biergarten und beobachten das Treiben vor dem Rathaus, wo eine Gruppe griechisch-katholischer Gläubiger fröhliche Halleluja-Gesänge angestimmt hat und tanzend den Herrn preist. Ein jeder will sein Stückchen Aufmerksamkeit.

Bürgermeister Andriy Sadovyi hat für den Singsang keinen Nerv. Der erste Moment, in dem der gestresste Bürgermeister Ruhe haben wird, ist wohl der Samstagabend. Wenn er im neuen Stadion Platz genommen hat und sich ungestört das Spiel der deutschen und portugiesischen Fußballer anschauen kann. Vielleicht wird er für einen Moment all die Zahlen vergessen, die er in diesen Tagen gebetsmühlenartig wiederholen musste. Die 100 Kilometer Straßennetz, die für die EM erneuert wurden. Oder die Aufregung um das Stadion, das statt geplanter 70 Millionen Euro am Ende 220 Millionen Euro gekostet hat.

Dass mit Deutschland einer der EM-Favoriten in Lwiw aufläuft, berührt ihn nicht sonderlich. »Meinen Sie, Deutschland ist Favorit? Ich weiß nicht. Ich freue mich auf guten Fußball. Wer gewinnt, ist mir am Ende nicht so wichtig.«

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