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Von Reinhard Renneberg, Hongkong, und JoJo Tricolor, Cherville
09.06.2012
BIOlumne

Giftige Schönheit

Bild
Zeichnung: Chow Ming

Fasziniert stehe ich in der Hongkonger Tung Choi Street, der stadtbekannten Aquarienstraße, am Schaufenster. Vogel- und Blumenmarkt sind gleich um die Ecke.

»Fresh jelly fishes from Australia!« werden heute angeboten. Mit ihrem pulsierenden Auf und Ab sind die weißen fluoreszierenden Miniquallen höchst putzig anzuschauen. Der Aquarianer in mir kann nicht widerstehen: 100 Hongkong-Dollar (ca. 10 Euro) für drei sind ein Spottpreis. Als kostenlose Zugabe der zufriedenen Ladenchefin kam noch eine prächtige rote Seegurke (Holothuria) in die wassergefüllte Plastik-Tüte. Nun sitzt sie wunderschön am Boden meines Salzwasseraquariums und filtert sich kleinste Partikel aus dem Wasser.

Am folgenden Morgen traue ich meinen verschlafenen Augen kaum: Fast alle Fische und Medusen tot - in einer stinkenden Brühe! Ich checke Filter, Belüftung und Temperatur - alles normal. Für den schnellen Wasserwechsel greife ich zum erprobten Plastikschlauch und Eimer und sauge das Wasser an. Als ich das salzige Wasser im Mund spüre, tritt mir kalter Schweiß auf die Stirn. Eine eiserne Grundregel im Labor besagt: Niemals mit dem Mund ansaugen! Herr Professor, ein Student fliegt für so etwas aus dem Praktikum!

SOS! Quallen-Toxine! Blitzschnell spucke ich alles aus und spüle kräftig den Mund. Jetzt wird meine Zunge taub, die Mundhöhle brennt, das Herz rast. Ich rufe umgehend Professor John Sanderson an. Der britische Kardiologe antwortet professionell gelassen auf mein aufgeregtes Lallen: »Quallen-Toxine? Bye-bye, Reinhard! Dafür gibt es kein Gegengift. Nichts verschluckt? Nur Mundschleimhaut? Kann man überleben, aber es besteht Erblindungsgefahr. Bitte bleib jetzt am Telefon.« Nach einiger Zeit gebe ich John Entwarnung; das Zittern der Beine und die taube Zunge lassen allmählich nach. Das war wohl knapp!

Nun muss ich sofort den Fischladen warnen. Die Chefin meint jedoch: »Kann nicht sein, in Australien isst man diese Quallen als Delikatesse! Ich gebe Ihnen aber kostenlos neue.« Nur das nicht! Mein Blick fällt auf das Aquarium, in dem eine neue Seegurke inmitten des Chaos thront. Die schöne Mörderin!

Ich bemühe Wikipedia zu »Seegurke« und »Toxine«: »Holothurine sind als toxische Inhaltsstoffe in Seewalzen (Holothuroidea) zu finden. Sie werden von den Tieren … bei Bedrohung verspritzt. Holothurine sind leicht psychoaktiv, können bei Hautkontakt starke, brennende Schmerzen auslösen und bei Kontakt mit den Augen bis zur Erblindung führen.«

Eine Woche später erzähle ich die Geschichte dem Chef unseres Uni-Meereslabors. Er will das gefährlich schöne Tier sofort für seine Schauaquarien. »Die prächtige Farbe dient als Warnung, lieber Kollege!«

Als ich ihn einen Monat später wieder besuche, entdecke ich meine rote Seegurke bei bester Gesundheit. Am Aquarium ein Schild auf Englisch und Chinesisch: Diese Seegurke hat (vergeblich!) versucht, Prof. Renneberg (Fachbereich Chemie) mit Holothurin umzubringen.

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