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09.06.2012

Anstoß

Marginalien zur Fußball-EM Heute: HANS-DIETER SCHÜTT

Spannung steigt schneller als jedes gewöhnliche Gehalt. Immerhin etwas. Nun spielt Deutschland gegen Portugal. Den heutigen Kolumnisten hat das Kalender-Regime (leider) zu Wiens Festwochen beordert. Ich darf aber gelassen bleiben: Einige Theater vorverlegten ihren Aufführungsbeginn, es stimmt also doch: Kunst ist menschenfreundlich.

Am Rosengarten, neben dem Burgtheater, stehen große Container für Bauarbeiter. Davor Stühle, zwei Fernseher. Serben und Slowenen, die noch nach der Schicht hier sitzen, schauen also von Wien aus nach Polen, und sie hoffen (sieh an!) in der Mehrheit auf den EM-Teilnehmer Kroatien. Das ist Europa. Ansonsten: Europa hin oder her - über Österreich muss man in den nächsten Wochen kaum reden. Der Fußball hat hier Glanz wie die alpenländische Marine.

Aber wenn man schon unweit des Burgtheaters sitzt, muss noch mal von Claus Peymann die Rede sein. Wie hat man ihn einst als Direktor geschmäht, verflucht, zu allen möglichen Abschüssen freigegeben - soeben nun wurde verkündet, er werde Ehrenmitglied dieser Ruhmesbühne. Man kann zudem nicht Peymann sagen, ohne an Fußball zu denken. Unerfüllt blieb sein Traum, ein vollständiges Kicker-Spiel auf dem Theater zu inszenieren. Gleichsam Brechts Fuß-Baal und der»Sturm« von Shakespeare und Tschechows »Möwe«, natürlich umgedichtet zur Schwalbe. Becketts »Endspiel« auf Bernhards »Heldenplatz«. Fanmeile trifft Wallensteins Lager.

Vor Jahren inszenierte Einar Schleef am Burgtheater »Ein Sportstück« von Elfriede Jelinek. Darin die Ansprache einer Mutter an ihren hochleistungssüchtigen Sohn, einen Profifußballer: »Ich werde bald nur mehr deine Fersen sehen, wenn du antrittst, um einen schon so arg geschundenen Ball noch mehr zu treten. Aber auch der will gleich wieder weiter, zum Mittelfeldspieler, der frei ist, was du nicht bist. Es ist, als ob du in den Krieg zögest.« Böse, unvergesslich. Heftigste Sporthetze. Was den Direktor Peymann nicht davon abhielt, sich ganz dem Gaudi hinzugeben: Es fand damals eine Vorstellung statt, in die kostenlos hinein durfte, wer in Sportkleidung kam. Auf der Bühne Kritik an moderner Körperzucht - im Zuschauerraum aber ein Karneval der ulkigsten Selbstversuche: Burgtheatersesselsitzen mit Schwimmflossen, Programmheftlesen mit Boxhandschuhen.

Doppelmoral wurde Peymann damals vorgeworfen. Dabei war's nur ein schöner Doppelpass, wie ihn das Leben immer wieder spielt - und gewinnt. Wehe und Wohl, Wunde und Wunder, Buh und Bravo - das ewige Doppelpack. Siehe Peymanns nunmehrige Auszeichnung. Siehe die noch heute abrufbaren Spottgedichte auf den »Terrier« Berti Vogts - der uns 1996 immerhin den bislang letzten EM-Titel heim holte. Siehe jüngst Robben und Ribery - hie bejubelt, da niedergepfiffen; heute Held, morgen einer, von dem man nichts hält. Man ist ja auch gegen Schlachthöfe und geht trotzdem gern ins Steakhaus. Es gibt den lustvollen Sieg der Natur gegen die Kultur, den unbedenklichen Sieg der Sinne gegen die Gesinnung. Wir pendeln zwischen Welten, in denen wir authentisch sind, und denen, die wir uns vernunftbeflissen konstruieren.

Deutschland nur immer Zweiter, Dritter? »Es gleicht sich alles aus!«, sagte der bereits erwähnte Tschechow. Ein Satz auf der Sterbeliege. Holen wir ihn hoffend herüber ins Turnier, das erst wenige Stunden lebt.

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