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Von Jirka Grahl, Lwiw
09.06.2012
Kolumne

Fußball für Millionen

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Jirka Grahl. Der 40-jährige Autor ist Chef des Ressorts Sport/Service beim »nd« und berichtet von vor Ort von der Fußball-EM.

Es ist angepfiffen: In Warschau haben gestern die polnischen Fußballer mit dem Spiel gegen Griechenland die Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine und Polen eröffnet. Heute starten Philipp Lahm und die DFB-Kollegen ins Turnier gegen Portugal. Vier Wochen lang wird König Fußball den Alltag bestimmen, in ganz Europa, vor allem aber in Deutschland, wo ihm mittlerweile jahresübergreifend mindestens ebenso viel Beachtung zuteil wird wie etwa Betreuungsgeld, Koalitionskrise oder Euro-Rettungsschirm. Nicht umsonst absolvierte die Kanzlerin schon vor Tagen ihren Antrittsbesuch im Teamquartier bei Gdansk.

Angeblich wird seit gestern »Geschichte geschrieben«, so haben es sich die beiden Gasteberländer als Motto auf die Fahne geschrieben. Fakt ist: Für vier Wochen schaut der Westen genauer auf das, was da im doch so nahen Osten des Kontinents entstanden ist. Hoffentlich mit der Unvoreingenommenheit, die man braucht, um die eigene thematische Abwehrhaltung zu durchbrechen: Die Ukraine ist mehr als Timoschenko, Korruption und Oligarchentum, Polen mehr als Hooliganismus und Bauverzug. Dass sich allerdings die beiden Ausrichterländer schon miteinander so schwer tun, lässt für die Wirkung der EURO 2012 in Sachen europäisches Zusammenwachsen nicht das Beste vermuten.

30 Spiele bis zum Finale am 1. Juli in Kiew. Bis dahin wird der Fußball wieder für eine Menge herhalten müssen. Aus kaum einem anderen Sport wird so viel herausgelesen wie aus dem Fußball. Der hat sich zwar, genau genommen, schon seit Jahren von der schweißtreibenden Rasenarbeit in ein hochkomplexes Zusammenwirken von elf Spezialisten entwickelt - aus allen möglichen Perspektiven erfasst, in allen denkbaren Parametern entschlüsselt. Er muss aber dennoch für viele Deutungen herhalten: Etwa, was es bedeutet, dass sich an diesem Wochenende auch Spanien unter den Rettungsschirm begeben will, ausgerechnet der Europameister? Ein Land, dessen 23 beste Balltreter angeblich einen Marktwert von 658 Millionen Euro haben. Die Zauberer aus Barcelona und Madrid. Die Männer, die immer den Ball haben. Ausgerechnet Spanien flüchtet unter den Schirm, unter dem sich die EM-Starter Griechenland, Irland und Portugal schon versammelt haben.

Oder Italien: Manipulationen, Betrügereien in der Serie A! Frankreich: auf der Suche zurück an die Spitze. Deutschland: Obenauf im Selbstverständnis. Portugal: Nur der teuerste Fußballer der Welt kann die Stimmung seiner Landsleute noch retten. Oder?

Ob sich gestern noch jemand daran erinnerte, dass sich neben Italien einst auch Griechenland um die Ausrichtung dieser EM bemühte, im Mai 2007, noch im Glücksrausch des Titelgewinns von 2004? Man stelle sich vor, welche Verrenkungen der UEFA-Präsident Michel Platini hätte in diesen Tagen vollführen müssen, um zu rechtfertigen, dass ein derart überteuertes und quersubventioniertes Spektakel wie eine EM-Endrunde in einem so verschuldeten Land stattfindet. Dass Platini 2012 stattdessen nur betonen muss, wie unpolitisch der Sport sei, erscheint da als ungemein leichtere Aufgabe.

Die deutlichste Deutung erlaubt schon der Name des Wettbewerbs. EURO 2012. Klare Botschaft, ganz leicht zu interpretieren, für alle zu verstehen: Erfolg wird am Ende doch nur in einer Einheit gemessen. In Geld. Wie überall in der Welt.

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