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Von Alfred Michaelis, Pailin
12.06.2012

Unter Pol Pot diskreditiert

In Kambodscha fasst das Genossenschaftswesen allmählich wieder Fuß

In der kambodschanischen Provinz Pailin gibt es inzwischen 34 regis-trierte Genossenschaften. Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist im Gesamtkontext bescheiden, doch die Mitglieder sind zufrieden.

Es ist, als sei selbst die Natur der absolut flachen Landschaft überdrüssig. Es wird erst wellig, dann schieben sich Hügel zusammen zu Bergen. Denen allerdings fehlt etwas, was sonst zu Bergen gehört: der Wald. Der wurde Opfer politischer Auseinandersetzungen. Der Ort heißt Pailin. Die Zeit, in der die kleine Stadt an der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand international in den Schlagzeilen war, liegt nun schon Jahre zurück. Die letzten Meldungen betrafen die Verhaftung der noch lebenden Anführer der berüchtigten »Roten Khmer«, die zurückgezogen hier lebten, im Jahre 2007. Da war das Holz schon ebenso zu Geld gemacht worden wie die berühmten Edelsteine der Region.

Heute ist Normalität eingezogen in dem 2008 offiziell zur Provinz erhobenen Landstrich. Jedenfalls was man in Kambodscha Normalität nennen kann. Die Böden sind fruchtbar, der thailändische Markt nahe. Also wird angebaut, was der Markt braucht. Und der braucht vor allem Mais und Maniok. Zwischen den Feldern liegt hin und wieder auch ein Stück Land, das mit Sesam bebaut ist.

In Bortang Sou am Rande der 30 000-Seelen-Stadt Pailin haben sich 75 Familien zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen. Ihr Motiv war vor allem, den Mitgliedern Zugang zu erschwinglichen Krediten zu schaffen. Direktor Sao Chhong ist stolz. Die Genossenschaft arbeitet erfolgreich, hat seit ihrer Gründung im Jahre 2004 ihr Kapital mehr als verzehnfacht. Den Mitgliedern geht es besser.

Die Genossenschaft kauft Dünger und Pflanzenschutzmittel für ihre Mitglieder, die daher einen kleinen Preisvorteil erzielen. Kredite werden meist zur Beschaffung von Saatgut verwendet. Und doch ist Sao Chhong nicht zufrieden. Das Kapital der Genossenschaft reicht bei weitem nicht aus, um auch den nächsten Schritt in der geschäftlichen Entwicklung zu tun, nämlich auch die Produkte der Mitglieder gemeinsam zu vermarkten. Eine Fläche zum Trocknen des Maniok und eine Lagerhalle sind sein Wunsch. Damit könnte man sich aus der Abhängigkeit von einer Handvoll Großhändler befreien. Ach ja, und ein kleines Büro könnte die Genossenschaft auch gebrauchen. Und da ist dann noch das Problem mit dem Nachwuchs. Es gibt nur wenig junge Leute, die der Genossenschaft angehören. Heiraten Kinder von Mitgliedern, haben sie meist andere Pläne als Bauer zu werden. Junge Leute arbeiten in den Nähereibetrieben der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh oder versuchen ihr Glück im benachbarten Thailand.

Dabei haben es die Genossenschaften auch so nicht leicht. Schon der Begriff war während der Herrschaft Pol Pots diskreditiert worden, er hatte stets den Einschlag einer alles vergemeinschaftenden Kommune. Da hatte es der genossenschaftliche Neubeginn, diesmal strikt nach den Prinzipien der Freiwilligkeit und der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet, nicht leicht.

Doch auch die neuen Genossenschaften kamen speziell in dieser Region nicht ohne politischen Auftrag aus. Sie sollten helfen bei der Aussöhnung unter Kambodschanern, sollten die Eingliederung von ehemaligen Anhängern Pol Pots erleichtern. Denen war nach dem Ende der politischen Wirren nur der Weg zurück in die Landwirtschaft geblieben. Die einst berühmten Edelsteinvorkommen von Pailin waren quasi im Turbo-Modus ausgebeutet worden und sind seit Jahren erschöpft, die wertvollen Holzbestände fielen der Kettensäge zum Opfer und wurden nach Thailand verhökert. So erinnert selbst die veränderte Landschaft an die Ereignisse der jüngeren Geschichte. Auch den Menschen sieht man an, was ihnen widerfuhr. Es gibt wohl kaum einen Landstrich, wo auch die Krücken der Einbeinigen so allgegenwärtig sind.

Heute gibt es in der Provinz Pailin 34 registrierte Genossenschaften. In wirtschaftlicher Hinsicht geben sie nicht den Ton an. Die Musik wird bestimmt von den Spielcasinos direkt am siebzehn Kilometer entfernten Grenzübergang nach Thailand und von den Kolonnen der Lastwagen, die für den thailändischen Lebensmittelgiganten CP Mais und Maniok aus Kambodscha herankarren. Doch sind sie ein Stück Normalität geworden, geben einfachen Menschen Halt und Hoffnung, dass es weiter bergauf geht.

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