Von Gunnar Decker
12.06.2012

Heimspiel mit Pferd und Motorrad

Staatstheater Cottbus: »Der Laden. Erster Abend« nach Erwin Strittmatters Roman

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Im Alter erwacht Kindheit: der Anfang drängt sich noch einmal mit Macht vor das näher rückende Ende. Das ist verwirrend intensiv, melancholisch, weil doch längst vorbei, auch komisch, denn nichts liegt näher, so vom Ende her betrachtet. Sind Erinnerungen letztlich das eigentliche Leben? Für den Dichter gewiss.

Erwin Strittmatters »Der Laden«: Eine Reise im Kopf, ein Bilderbogen von Zeiten und Gegenden - und alles bloß Traum? Der gelebte Augenblick ist nach Ernst Bloch bekanntlich dunkel, man hat mitunter Mühe ihn zu überstehen, von verstehen kann oft keine Rede sein. Im Nachhinein erst wird es dann vielleicht hell, begreifen wir uns und die Zeit, das ist dann die Posse unseres Daseins.

Eine dieser Possen ist, dass ausgerechnet Strittmatter, diesem radikalen Erinnerungskünstler, vom gedächtnislosen Zeitgeist der Medien das Attribut »umstritten« angehängt wird. Wann wäre ein Schriftsteller, der diesen Namen verdient, das nicht gewesen? Schreiben erzeugt einen imaginären Raum, in dem sich Erlebtes in bewusst Erfahrenes verwandelt.

Vom »Wundertäter« bis zum »Laden«: Da ist viel im Vergessen abgelegtes Leben, das dem Autor lange unverständlich, fremd oder unerheblich erschien - plötzlich kommt ihm etwas entgegen, das bedrängende Gewalt besitzt. Schreiben ist Verstehen-Wollen, was ist und was auch hätte sein können. Die Kindheit ist eine eigene Welt voller Geheimnisse. Es braucht Mut, in deren Tiefen hinabsteigen, um - ganz am Grunde - vielleicht einen Funken aufleuchten zu sehen. Diese immer neue Expeditionen zu den Anfängen waren Strittmatters Tagewerk. So lesen wir im »Laden« über die Kindheitswelt des Esau Matt (das Alter ego des Autors: »Wir sind noch neu in der Welt. Wir wollen wissen, wie Dinge entstehn; wir wollen wissen, wie Dinge vergehn. Wir wissen noch nicht, daß sich in Scherben und Wassertropfen die Welt spiegelt.«

Die kleine Welt trägt die große immer schon in sich. Die Zeiten und Zustände ineinander zu spiegeln - dazu bräuchte es eine Art »magisches Theater«. Am Staatstheater Cottbus hat Mario Holetzeck genau das versucht - nach der »Theaterfassung« von Holger Teschke wird seine »Bühnenfassung« gespielt. Nicht leicht scheint es also, das zu fassen, warum es im »Laden« eigentlich geht. Das erinnert an ein Wort von Strittmatter, der sagte: »Es wäre mir schon recht, wenn ichs mit meinem Leben so halten könnte wie mit dem Romanschreiben: immer eine neue Fassung, zwanzig und mehr Fassungen - damits einem Kunstwerk ähnlich wird.«

Einem Kunstwerk ähnlich ist dieser erste von zwei »Laden«-Abenden (der zweite hat im September Premiere) durchaus geworden. Sorgsam und mit Liebe zu Detail gearbeitet - fast dreieinhalb Stunden lang. Aber in derartigen Ähnlichkeiten werden dann auch all die Tücken eines solchen immer heiklen Nachspielens großer epischer Werke sichtbar. Ein bloßer Bilderreigen wäre zu wenig, das weiß der an Heiner Müller geschulte Szenarist Holger Teschke. Im Bilderbogen, der diese Inszenierung von Mario Holetzeck geworden ist, müssen also immer wie Schlaglichter aufblitzen, die durchdringen zu dem, worauf des Autors Selbstbefragung immer wieder zielt: Was ist hier Dichtung, was Wahrheit - und wie viel Wahrheit muss in der Dichtung sein? Antwort darauf kann nur ein Spiegelkabinett geben, das alle Antworten als ungenügend in Fragen zurück verwandelt.

Dem epischen Weg bloß in die Breite tritt hier bereits die Bühne von Gundula Martin entgegen, die immer wieder versucht, den drohenden Naturalismus der Erzählung mit einem bewusst artifiziellen Gegenpol zu kontrastieren. Schön ist die Idee der Bilderrahmen zusammen mit verfremdenden Beleuchtungen, die deutlich machen: Hier baut sich etwas auf in uns, das uns mit Gegenwärtigkeit bedrängt, aber doch nicht mehr in unserer Hand liegt - alle Entscheidungen sind längst getroffen oder nicht getroffen, alles gesagt oder verschwiegen.

Und dennoch ist es mehr als bloß ein Rückblick, was uns der Ich-Erzähler Esau Matt hier aus seinem Leben zu erzählen hat: es sind Sinnbilder, die sich immer wieder auch zu mythischen Urbildern verdichten, zu höchst intimen Zeit-Chiffren.

Da ist der mit Kredit des Großvaters gekaufte Laden der Eltern in Bossdom. Aber schon bei der Frage, was es denn für ein Laden war, beginnen die Erinnerungen zu streiten. Für die Mutter war es ein »Colonialwarenladen«, für den Vater eine »Brod- und Weißbäckerei«. Oliver Breite spielt Esau Matt, das Kind und den sich erinnernden Autor zugleich. Er legt die Figur an als eine Art Simplizissimus auf seiner Reise durch diese merkwürdige Welt, die auch seine Hosenträger, an denen er herumzupft, nicht zu halten vermögen. Verstehen kommt später, jetzt prägen sich erst einmal jene Bilder ein, die zum Reichtum des Autors werden, so er sie denn einmal zu deuten vermag.

Breites Interpretation ist sympathisch, aber vielleicht etwas zu vordergründig sympathisch - ein wenig schwerer könnte er es sich und dem Publikum schon machen. Wie auch die Regie von Mario Holetzeck sich immer zwischen Spiel mit Boulevard-Elementen und surrealem Verfremden bewegt.

Ein Heimspiel für die Lausitz sicherlich, diese kryptosorbische »Laden«-Saga, ohne dabei doch zu verleugnen, dass es mehr ist: ein Spiegel der Verheißungen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Ein bisschen Jahrmarkt muss sein? Da kommt dann ein Pferd auf die Bühne, ebenso echt wie die Fahrräder oder das Motorrad, auf dem Esau Matt die umworbene Ilonka Spadi (eindrucksvoll einen eigenen Ton behauptend: Johanna Emil Fülle) ins Grüne fährt. (Der Leihgeber des Motorrads wird übrigens im Programmheft bedankt, der des schönen weißen Pferdes erstaunlicherweise nicht.)

Die Fahrt ins Grüne endet für Esau allerdings desaströs, denn er erweist sich nicht als »ganz anders« als die anderen Männer, wie es sich das auf Abwehr programmierte Mädchen ausgemalt hat. Auch er will nur »das Eine«? Nein, er will vieles, er will alles und weiß doch lange nicht, was überhaupt.

So ist dann der ganze »Laden« ein Spiegel: »Er schaut uns an. Wir sind in ihm, ich und der Junge, der Hermann heißt, die Eichen, die Frauen, die Männer, die Kühe. Er läßt nichts und niemand aus, unser Spiegel, er benachteiligt niemand.«

Nächste Vorstellung: 13.6.

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