13.06.2012

Der Umweg ist das ... Ziel

Dirk Zöllner wird 50 - ein Gespräch über Erfolge und Niederlagen, die Autobiografie und das neue Album »Uferlos«

DIRK ZÖLLNER: Sänger, Texter, Gitarrist. 1984 Gründung der Band Chicorée; die Ballade »Käfer auf'm Blatt« wird zum größten Erfolg. 1987 Gründung Die Zöllner mit André Gensicke, ein Jahr später spielen sie im Vorprogramm von James Brown vor 70 000 Menschen in Berlin-Weißensee. Sechs Alben, ehe Dirk Zöllner 1998 sein erstes Soloprojekt startet. Außerdem: 3HIGHligentouren mit André Herzberg und Dirk Michaelis. Titelrolle in der Rockoper »Jesus Christ Superstar« in Dresden und Pforzheim. Neuvertonung von Heine-Liebesliedern mit dem »Club der toten Dichter« ... Am 1. Juni 2012 erschien das erste Die Zöllner-Album seit 15 Jahren: »Uferlos«, im Frühjahr Zöllners Autobiografie »Die fernen Inseln des Glücks«. Heute wird er 50.
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50 Jahre Dirk Zöllner + 25 Jahre Die Zöllner: Freitag, 15. Juni, 20 Uhr, Postbahnhof am Ostbahnhof (Berlin): Die Zöllner feiern mit Dirk Michaelis, André Herzberg, Rockhaus, Bobo in White Wooden Houses und vielen mehr. Kartentelefon: (030) 6110 1313; Sonnabend, 16.6., 17.30 Uhr, Kulturbrauerei, Literaturwerkstatt Berlin: Dirk Zöllner liest beim Fest der Linken aus seinem Buch »Die fernen Inseln des Glücks«.

nd: 25 Jahre Die Zöllner, dazu Ihr 50. Geburtstag: 2012 ist für Sie ein doppeltes Jubiläumsjahr. War das der Anlass, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Zöllner: Ich hätte das Buch nicht geschrieben, wenn ich kein Verlagsangebot bekommen hätte. Solche Bücher schreibt man nur als Superstar oder wenn es ans Ende des Lebens geht. Andererseits: Natürlich ist die 50 wirklich ein gefühlter Einschnitt. Die Zahl führt dir schlagartig vor Augen, dass ein bisschen Zeit vergangen ist. Erinnerungen können helfen, das Hier und Jetzt bewusster zu erleben.

Es ist ein aufregendes, ehrliches Buch geworden. Es liest sich, als hätten Sie Herzblut als Tinte verwendet.
Ich habe mich darum bemüht, nicht nur meine Vortrefflichkeiten zu präsentieren. Ich wate auch ausgiebig durch meine Niederlagen. Wenn man für seine Statements Applaus bekommt, kann man das Leben natürlich besonders genießen. Aber je höher die Amplitude des Lebens ausschlägt, desto tiefer muss man fallen. Das ist ein Naturgesetz.

Ihr Buch heißt - nach einer Textzeile von Werner Karma - »Die fernen Inseln des Glücks«. Das klingt melancholisch.
Warum? Der Moment des Glücks ist doch meist gar nicht greifbar. Man entdeckt ihn erst im Rückblick. Der Schaffensprozess bedeutet Glück. Das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Natürlich bin ich nicht gefeit vor depressiven Phasen, aber ich weiß, dass sie vorübergehen. Die Tiefpunkte sind der Preis, den ich bezahlen muss für die euphorischen Momente. So lasse ich in meinem Buch die Trauer nicht aus. Sie gilt ja landläufig als unangenehm. Das ist sie aber gar nicht, weil man auch in der Trauer eine neue Sicht auf das Leben entdecken kann.

Das künstlerische Auf und Ab, Ebbe und Flut im Privaten - dazu der gesellschaftliche Einschnitt des Jahres 1989. Sie waren damals 27 und auf einer ersten großen Welle des Erfolgs …
Ich habe die späten 80er Jahre als eine aufregende Zeit in Erinnerung, denn es ergaben sich für mich ungeheure Möglichkeiten. Die Unabhängigkeit von Geld habe ich in der DDR als Freiheit empfunden. Ohne irgendein Studium bin ich innerhalb kürzester Zeit Berufsmusiker geworden. Ich weiß aber auch, dass es in diesem seltsamen Refugium andere Erfahrungen gab.

Sie beschreiben Ihre Kindheit in Berlin-Karlshorst - zwischen der Kaserne der Roten Armee, dem Tierpark und einem Friedhof. Hat man, derart umzäunt, nicht seine Mühe, Kind zu bleiben?
Ganz im Gegenteil, Kinder brauchen doch einen überschaubaren Raum. Außerdem weiß man doch, wie solche Zäune im Osten beschaffen waren. Am Tierpark hingen die Zaunlatten lose. Da konnte man überall reingehen. Das war mein Abenteuerspielplatz. Mehr geht wirklich nicht! Die Staatsgrenze war vermutlich der einzige Zaun, der wirklich in Schuss war.

Sie erzählen Ihr Leben entlang enger Bindungen - zu Geliebten, Freunden, auch zur Familie. Trügt dieser Eindruck der Harmonie?
Ein Rockmusiker muss nicht zwangsläufig aus abgefuckten Verhältnissen kommen, wie Sie ja an mir sehen. Mir ist eine funktionierende Gemeinschaft wichtig, im Großen wie im Kleinen. Das heißt aber nicht, dass immer alles harmonisch ist. Ich habe mir früher eingebildet, die ganze Welt ist so, wie ich sie von Zuhause kenne. Man streitet sich, schlägt sich manchmal sogar fast die Köpfe ein, aber dann wird wieder miteinander geredet. Man versöhnt sich und findet einen neuen gemeinsamen Weg. Ja, in meinem persönlichen Umfeld hat das immer so funktioniert.

Als Gesellschaftsmodell nicht.
Es ist ein schöner Traum, dass sich alle Menschen im Idealismus umarmen. Da bin ich mittlerweile ein wenig ernüchtert. Trotzdem bin ich sehr dafür, es immer wieder zu versuchen, sich aus erstarrten Verhältnissen zu lösen. Jeder Anlauf zu einer besseren Welt ist okay, wenn nur nicht Millionen Menschen dafür ins Gras beißen müssen. Aber ganz ohne Reibung lässt sich auch nichts ändern. Ich würde immer wieder mitgehen, wenn es irgendwo anders hingeht. Weil der Aufbruch so schön ist.

Sie schildern die Euphorie des Aufbruchs von 1989, gerade unter Künstlern. Nur Bärbel Bohley gibt sich nüchtern: Kein dritter Weg stehe jetzt offen, sagt sie am 4. November, nein, den Leuten gehe es nur um die D-Mark ...
Diese Nüchternheit ist selten bei Künstlern. Bärbel Bohley war offensichtlich mit einer klaren Sicht auf die Dinge bestraft. Es muss schrecklich sein, so realistisch zu denken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch ein Gedicht schreiben kann, wenn man die Welt in festgetackerten Formeln betrachtet. Noch schlimmer ist es aber, wenn man eigentlich gar nichts will, außer Selbstdarstellung. Gorbatschow zum Beispiel, wie haben wir den bewundert und beklatscht, wir trugen Sticker und T-Shirts mit seinem Konterfei. Im Nachhinein war er nicht der Heilsbringer, sondern auch nur ein eitler Mensch ...

... der immerhin Geschichte geschrieben hat.
Natürlich, für die Veränderung war er gut. Und wir wollten Veränderung. Aber dass er letztendlich die Hände hebt und dahinter einfach kein Gedanke steckt! Etwas ablehnen kann wirklich jeder. Auch in einer Band gibt es immer wieder Leute, die einfach alles scheiße finden. Aber darum geht es nicht. Wenn jemand etwas ablehnt, aber keine eigenen Vorschläge mitbringt, höre ich mir das überhaupt nicht an. Einfach nur Nein - das gibt es nicht.

Ihr »Nein« in der späten DDR galt den Apparatschiks, den »pseudokommunistischen Hofschranzen«, wie Sie sie nennen. Wem galt ihr »Ja«?
Menschen, die sich teilweise auch Kommunisten nannten, mit dieser Rechthaberei aber gar nichts zu tun hatten. Ich war immer mit Menschen befreundet - egal ob Künstler, Leute vom Rundfunk, oder auch aus der FDJ -, die glühende Idealisten waren. Die Menschen aus meiner Generation sahen die Dinge eben anders als die Generation davor, deren Bewegung eine logische Antwort auf den Faschismus war. Wir haben den gestrengen Kibbuz schon wieder aufgelöst. Aber obwohl ich mich quasi als Hofnarr empfand, hatte ich innerlich nie eine Ablehnung gegen mein Land.

Ihre erste Band namens »Saumäßig« gründeten Sie ausgerechnet während Ihrer Zeit bei der NVA. Das wirkt wie eine Behauptung der persönlichen Freiheit gegen die geforderte Uniformierung.
Eben. Das ist der Reiz all dessen, was man nicht machen soll: auf dem Schulklo zu rauchen. Diesen Trieb kannst du dir erhalten, wenn du so eingestellt bist wie ich. Diktate zu unterlaufen, macht mir einfach Spaß, bis heute. Alles Spießige ist mir zuwider.

In der Nachwendezeit wurden Sie oft in Talkshows eingeladen, quasi als DDR-Exot, als bunter Hund. Wie war das?
Da gab es immer irgendwelche Experten, die anhand von Zahlen beweisen wollten, dass die Wirtschaft gar nicht funktionieren konnte, dass es so und so viele Mauertote gab, dass so und so viele im Gefängnis waren, so und so viele bei der Staatssicherheit. Das mag ja alles stimmen, aber das war eben nicht alles. Ich habe rebelliert, wenn sich so ein Schwätzer aufgeplustert hat. Zum Beispiel als der Jugendradio-Sender DT 64 abgewickelt wurde. Draußen standen Menschen auf der Straße, die dafür gekämpft haben, dass etwas von ihrem Leben erhalten bleibt. Drinnen sprach irgendein Arschloch über Zahlen.

Idealisten haben es nicht leicht.
Heute wird ein Idealist in der Tat als Spinner angesehen. Der Pragmatismus ist übermächtig geworden. Nicht die Schönheit der Kunst zählt, sondern ihr Verkaufswert. Ein Promoter muss von Musik gar nichts mehr verstehen, er könnte genauso gut Versicherungsvertreter sein. Ich lebe und überlebe seit 25 Jahren von meiner Kunst. Manchmal springt auch ein bisschen mehr dabei raus. Aber ich bleibe bescheiden. Mir ist es viel wichtiger, meine kleine Manufaktur zu haben als einen Baumarkt mit Europopbeschallung. Ich gehe lieber zum richtigen Bäcker als zu irgend so einer Backbär-Filiale. Das ist meine Ästhetik.

»Uferlos« - der Titel Ihrer neuen Platte geht zurück auf den englischen Nachnamen des Gitarristen Andreas Bayless. Ein Künstlername?
Nein, der heißt wirklich so. Die Übersetzung ergibt den Albumtitel, und er hatte auch einen großen emotionalen Einfluss auf die Platte. Das ist aber nur eine von drei Ebenen, die der Slogan für mich hat. Ganz konkret steht er für die Geschichte unseres Cellisten Sonny Thet. Sonny ist in Kambodscha am Hof des Königs Sihanouk groß geworden. Der schickte ihn in die DDR, um dort Komposition und Cello zu studieren. Dann kam Pol Pot an die Macht, und Sonny konnte nicht zurück. Seine ganze Familie wurde ermordet. So war er mit 14 Jahren in der DDR gestrandet - auf tragische Weise. Das Lied, im Prinzip ein Walzer mit fernöstlichen Einflüssen, erzählt die Geschichte eines heimatlosen Menschen.

Und die dritte Ebene des Wortes »Uferlos«?
Das Gefühl, ständig auf der Reise zu sein. Der Weg ist das Ziel. Oder, besser: Der Umweg ist das Ziel.

Gespräch: Martin Hatzius

Dirk Zöllner auf dem Pressefest: Die fernen Inseln des Glücks (Lesung)