Von Robert D. Meyer
13.06.2012

Braunen Wahlerfolgen auf der Spur

Thüringer Wissenschaftler erforschen, unter welchen Bedingungen sich rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung entwickeln und verfestigen. Sie wollen einen Leitfaden erstellen, der Kommunen im Kampf gegen Neonazis helfen soll.

Auf den ersten Blick klingt es nach einem Widerspruch: Bei der letzten Thüringer Landtagswahl im Jahr 2009 holte die rechtsextreme NPD in Saalfeld mit 6,3 Prozent ihr landesweit stärkstes Ergebnis. Dabei hatte die Partei in der knapp 27 000 Einwohner zählenden Kleinstadt damals kaum Mitglieder und noch nicht einmal eine eigene Internetseite. Ganz anders dagegen die Situation im fast vier Mal so großen Jena. Dort besitzt die NPD nicht nur eine deutlich stabilere Struktur sondern trat in der Vergangenheit wiederholt mit größeren Veranstaltungen wie dem »Fest der Völker«, einem europaweit bekannten Rechtsrock-Festival, öffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Gebracht hat den Neonazis dieses offensive Auftreten allerdings nicht viel. Bei der Landtagswahl holten die Rechtsextremen in Jena thüringenweit ihr schlechtestes Ergebnis. Eine Gruppe von Soziologen der Universität in Jena möchte nun herausfinden, wie sich dieser scheinbare Widerspruch erklären lässt, um Kommunen in ihrem Engagement gegen Rechts zu unterstützen. Sie wollen die Bedingungen ergründen, die rechtsextreme Strukturen begünstigen oder verhindern.

»Es gibt eine hohe Unwissenheit und Unsicherheit bei den lokal Verantwortlichen hinsichtlich des Rechtsextremismus«, erklärt Matthias Quent, Mitarbeiter beim Projekt »Rechtsextremismus(-potenzial) im lokalen Kontext«. Am Ende der Forschung soll deshalb ein Katalog entstehen, welcher auf regionaler Ebene vergleichbare Informationen über die Stärke des Rechtsextremismus bietet und den Kommunen ein Messinstrument in die Hand gibt, um die Lage vor Ort besser einschätzen zu können. Das soll ihnen dabei helfen, »wesentliche Gegenstände, Formen, Strategien und Symptome« der lokalen Nazistrukturen erfassen zu können, berichtet Quent. Ein Angebot, welches es nach Aussage des Jenaer Wissenschaftlers bisher noch nicht gibt.

Doch bevor die Soziologen einen Katalog entwickeln können, führen die Forscher in Saalfeld und Jena Interviews mit Lehrern, in Jugendtreffs oder bei Opferberatungsstellen. Die Ergebnisse sollen der Bevölkerung in den beiden Städten präsentiert werden und in den allgemeinen Katalog einfließen. Die Wissenschaftler vermuten, dass es für die Erfolge der NPD letztlich gar nicht so wichtig ist, wie stark sich die parteiförmig organisierten Kräfte mit Angeboten vor Ort bemerkbar machen. Stattdessen seien andere »sozialstrukturelle Aspekte und das vor Ort herrschende politische Klima« wichtiger, erklärt Quent. So trat die NPD in Jena in der Vergangenheit zwar offensiv in Erscheinung, müsse aber mittlerweile gegen einen breiten antinazistischen Konsens ankämpfen, der zudem durch weitere Faktoren wie einer vergleichsweise guten wirtschaftlichen Situation begünstigt wird. In wirtschaftlich schwächeren Regionen, so Quent, gebe es dagegen einen »signifikant höheren Anteil an rechtsextrem Eingestellten«, egal wie die rechtsextreme Szene selbst in Erscheinung tritt.