Von Matthias Krauß
13.06.2012
Brandenburg

Die DDR als die dunkelste Zeit?

Im Landtag offenbarte sich ein Geschichtsbild ohne Maßstäbe

In der Enquetekommission des Landtags zur Aufarbeitung der Nachwendejahre geht es vordergründig um die »Fehler«, »Defizite« und »Versäumnisse« dieser Zeit. Nicht verhindern lässt sich allerdings, dass dabei auch die beteiligten Kommissionsmitglieder einiges von sich preisgeben. Dem einen oder anderen unter ihnen ist das möglicherweise gar nicht so recht, denn dass der prüfende Blick auf ihm selbst ruht, das liebt bekanntlich nicht jeder Richter. Aber auch die Denkweise der Kommissionsmitglieder, ihre politische Moral, ihr Geschichtsverständnis und ihre Art, mit Andersdenkenden umzugehen, werden bloßgelegt, und schon dafür hat es sich gelohnt.

In der jüngsten Sitzung des Gremiums sprach der von der FDP in das Gremium berufene Experte Jörg Kürschner bezogen auf die DDR davon, »Licht in das Dunkle dieser dunkelsten Zeit« bringen zu wollen. Der Abgeordnete Peer Jürgens (LINKE) wandte daraufhin ein, dass es sich beim dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte ja wohl um die Nazizeit gehandelt habe. Kürschners Replik: »Das nimmt sich nicht viel.« Jürgens: »Was?« Kürschner wiederholte: »Das nimmt sich nicht viel.«

Jeder blamiert sich so gut er kann, zweifellos. Und wenn dieser Experte das Vergasen von sechs Millionen Juden und das Anzetteln des größten und verbrecherischsten Krieges aller Zeiten als in etwa gleichwertig mit der Bilanz der DDR betrachtet, dann ist das zunächst allein seine Sache. Es ist aber auch Angelegenheit der Partei, die ihn als Experten für die Kommission aufgeboten hat. Da eine Distanzierung der FDP von dieser ungeheuerlichen Bemerkung nicht stattgefunden hat, weder in der Sitzung noch danach, sitzt sie hier mit im Boot. Nun kann man davon ausgehen, dass derzeit schon noch die Mehrheit auch der Oppositionsvertreter in der Kommission - einige vielleicht mit Hängen und Würgen, aber immerhin - bereit ist anzuerkennen, dass die Nazizeit vielleicht doch um ein Jota schlimmer war als die DDR. Wie gesagt, das gilt für den Augenblick. Was fortschreitende Aufklärung des Volkes in diesem Punkt für die Zukunft bringt, ist Spekulation, auf weitere Verschiebungen sollte man sich aber gefasst machen. Jedenfalls, so die heutige offizielle Lesart: Nazizeit und DDR - das sind die wahren, die eigentlichen, die tatsächlichen dunklen Punkte der deutschen Geschichte, von denen sich das Übrige hell und klar abhebt.

Wie aber kann eine solche Vorstellung entstehen, wenn nicht auf der Grundlage absurder Maßstäbe oder vielmehr fehlender Maßstäbe? Man blicke vergleichend auf die Weimarer Republik. Was war die Bilanz dieses zweifellos demokratischen Staates: 550 politische Morde, eingeschlossen die an zwei jüdischen Reichsministern. Bürgerkriege und bürgerkriegsähnliche Zustände, vollständige Entwertung von Währung und Sparguthaben, Ruinierung von Millionen, wachsender Antisemitismus, sechs Millionen Arbeitslose, im Schnitt etwa 10 000 Frauen, die pro Jahr aufgrund des Paragrafen 218 an unsachgemäßen Schwangerschaftsabbrüchen elendig zugrunde gingen. Dazu kamen Hunger und Unterernährung, eine unerbittliche Klassenjustiz und am Ende ein geistige Deformierung von Millionen Deutschen, die die Machtübernahme der Nazis begrüßten. Das waren Begleiterscheinungen und Resultate dieser Republik.

Kann man tatsächlich annehmen, solche Zustände seien den Verhältnissen in der DDR überlegen gewesen? So vernünftig, anzunehmen, dass die grauenhafte Entwicklung hin zur Nazidiktatur etwas mit Defiziten dieser bürgerlichen Demokratie zu tun haben musste, war man nach dem Krieg im Übrigen auch in den westdeutschen Besatzungszonen. Doch noch vor Erreichen des Jahres 1950 wandte man sich von dieser Einsicht ab. Seither feierte eine entschlossene und einseitige Idealisierung der Weimarer Demokratie Triumphe.

Oder betrachten wir das im heutigen Sinne rechtsstaatliche deutsche Kaiserreich. Wie sah dessen Abschlussbilanz aus? Ein verlorener Weltkrieg mit Millionen Toten. Aber von einem dunklen Punkt der Geschichte kann man natürlich nicht sprechen. Nein, das war die DDR. Nüchternes Fazit: Nicht nur der Hitlerfaschismus, vielmehr alle drei vor der DDR liegenden Phasen der deutschen Geschichte waren in ihren Konsequenzen schrecklicher, was die Opferzahlen betrifft vernichtender und für den Ruf des deutschen Volkes verheerender. Und wenn 1990 das Ansehen der Deutschen in der Welt so gut war wie noch nie in der Geschichte, dann ist das nicht nur das Werk der Bundesrepublik gewesen, sondern auch das der DDR.

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