Von Jürgen Amendt
15.06.2012

Der Fluch der Mausklicks

Urheberrecht und Schule: Wie die digitale Revolution Pädagogen verunsichert

Was in der analogen Welt erlaubt ist, ist in der digitalen Welt verboten: Das Kopieren aus urheberrechtlich geschützten Lernmaterialien. Die Bildungsministerien der Länder und die Schulbuchverlage haben Ende letzten Jahres neue Regeln zum Umgang mit Kopien vereinbart. Doch braucht es dieses Regelwerk wirklich?

Geschichtslehrerin Heidi. H. war glücklich. Endlich hatte sie in einem alten Lehrbuch das lange gesuchte Bild gefunden. Flugs das Bild eingescannt und wenige Mausklicks später war die Ablichtung in das Arbeitsblatt integriert und eine Kopie davon auf dem Schulcomputer gespeichert. Was Heidi H. vergisst: Sie hat gegen das Urheberrecht verstoßen. Ende letzten Jahres haben sich die Kultusministerien und die Verlage auf neue Regeln zur Verwendung von Kopien im Schulunterricht geeinigt. Im Wesentlichen bleibt alles beim Alten: Das Kopieren auf Papier ist in beschränktem Umfang kostenfrei erlaubt, die digitale Kopie bleibt weiterhin untersagt.

»Die Neuregelung war notwendig, um Rechtssicherheit für die Schulen zu schaffen und die Vergütung für die Verlage und Urheber zu sichern«, sagt der Urheberrechtsexperte Wolfgang Schimmel. Durch die Entwicklung der technischen Möglichkeiten des Kopierens gebe es mittlerweile eine recht komplizierte Rechtslage, sagt der Rechtsanwalt und ehemalige Gewerkschaftssekretär der Gewerkschaft ver.di. Früher sei das Kopieren aus Büchern oder Unterrichtsmaterialien vom Gesetz zugelassen und ein zwischen den Kultusministerien und der Verwertungsgesellschaft VG Wort abgeschlossener Rahmenvertrag habe dafür eine pauschale Vergütung vorgesehen. Die Schulbuchverlage hatten dann eine Neufassung des Urheberrechts durchgesetzt. Seit 2008 ist ein Kopieren aus Schulbüchern bzw. Lehrmaterialien nur mit Genehmigung des jeweiligen Verlages erlaubt. Das habe viele Lehrer verunsichert, erläutert Schimmel.

Die neuen Vorschriften klingen für Außenstehende zum Teil paradox. So darf jetzt zwar ein Bild aus einem Buch kopiert und an Schüler verteilt, nicht aber ein Bild eingescannt und in ein eigenes Arbeitsblatt integriert werden. Schimmel erklärt den Unterschied zwischen der Papierkopie und der eingescannten Version so: Die digitale Kopie mit ihrem eingescannten Bild könne problemlos und ohne Qualitätsverluste weiterverbreitet und bearbeitet werden. »Die analoge Kopie ist dagegen immer als Kopie zu erkennen und hat daher einen begrenzten Verbreitungsgrad und Nutzwert. Wenn aber eine digitale Kopie sich faktisch nicht mehr vom Original unterscheiden lässt, werden die Rechte der Urheber unmittelbar berührt.«

Doch wie praktikabel sind solche Kopiervorschriften überhaupt und wie lässt sich deren Einhaltung kontrollieren? Auch dafür hatten sich die Schulbuchverlage etwas einfallen lassen. Zum Aufspüren von digitalen Raubkopien sollte eine Scansoftware an Schulen zum Einsatz kommen. Schnell war der Begriff »Schultrojaner« geboren, als das Vorhaben Ende letzten Jahres bekannt wurde. Die Lehrerverbände liefen Sturm. Das Geld für den »Schultrojaner« wäre anderweitig besser ausgegeben, meinte Marianne Demmer vom GEW-Bundesvorstand. Den Schulen fehle vielfach das Geld für die Anschaffung von Lehr- und Lernmaterialien, kritisierte die Leiterin des Vorstandsbereichs Schule. Auch Datenschützer schlugen Alarm, denn wer kontrolliert letztlich dieses »Kontrollprogramm«? Auf Schulcomputern sind auch Daten von Schülern, E-Mail-Verkehr etc. gespeichert.

Nach diesen massiven öffentlichen Protesten wurde das Vorhaben Anfang des Jahres zunächst auf Eis gelegt und im Mai gestoppt. Die Bundesländer und die Schulbuchverlage einigten sich darauf, jetzt eine gemeinsame Lösung zu finden. Die Gespräche dazu sollen noch im Sommer beginnen. Ziel ist es, so die Verlage, den Lehrern Rechtssicherheit zu geben und dabei die Rechte der Autoren und Verlage zu gewährleisten. Ausspähen will man die Lehrer jetzt nicht mehr, dafür planen die Lage eine Info-Kampagne zur Aufklärung der Lehrkräfte und Schulen im digitalen Zeitalter. Genaueres weiß man aber noch nicht.

Auch wenn die Spähsoftware nicht kommt - das Misstrauen der Behörden gegenüber Schulen und Lehrern ist geblieben. So wurden in den vergangenen Monaten in manchen Bundesländern Schulleiter aufgefordert, eine Erklärung abzugeben, dass auf Rechnern ihrer Einrichtungen keine rechtswidrig angefertigten digitalen Kopien analoger Lehrmaterialien gespeichert sind.

Internetaffine Pädagogen setzen mittlerweile auf andere Lösungen. Sie favorisieren die sogenannten offenen Lizenzen. Nach diesem Konzept können digitale Lerninhalte, die von Einzelnen oder kollektiv erstellt wurden, von jedem genutzt, verändert und beliebig vervielfältigt werden. Voraussetzung ist, dass jede Änderung oder Verbesserung zum Nutzen der Gemeinschaft allen zugänglich gemacht wird. Vorteilhaft ist das vor allem für kleinere Bildungsträger, denen zum einen das Geld für kostspielige Kopierlizenzen und zum anderen das Knowhow zur Entwicklung eigener umfangreicher Materialien fehlt. Wolfgang Schimmel nennt das eine »faszinierende Idee«, meldet aber auch Zweifel an. »Wer eine solche Lizenz nutzt, schließt faktisch einen Vertrag mit der ganzen Menschheit ab, verzichtet also auf definitiv auf die Rechte an seinem Werk. Jeder, der solche Materialien nutzt, kann damit machen, was er will und diejenigen, die das Lehrmaterial erstellt haben, haben es faktisch auf ehrenamtlicher Basis getan.«

Womit wir beim eigentlich, zentralen Problem der Urheberrechtsdebatte wären: der Frage, wer für die Nutzung bezahlt, damit die, die die Werke geschaffen haben, davon leben können. Internetaktivisten wie Valie Djordjevic vom Webportal irights.info favorisieren ein eine Kulturflatrate ähnlich der GEZ-Gebühr. Damit sollen die Rechteinhaber digitaler Inhalte ähnlich dem GEZ-System pauschal vergütet werden. Im Gegenzug wäre das Kopieren und Nutzen digitaler Inhalte kostenfrei. »In einer Welt, in der wir von digitalen Bildern und Medien umgeben sind, muss es möglich sein, diese für eigene Werke zu nutzen, ohne Angst zu haben, dass der Anwalt vor der Tür steht«, sagt Djordjevic. Von solcherlei Ideen hält Urheberrechtsexperte Schimmel wenig. »Ein solches System ist bislang wenig praktikabel und durchdacht. Wie hoch soll eine solche Gebühr überhaupt sein? Die Frage wäre doch, müssen alle zahlen, also auch jene, die die Angebote im Netz nicht nutzen, oder nur ein eingeschränkter Personenkreis?

Überhaupt zeigt sich an der Debatte über das Urheberrecht im Bildungsbereich, wie sehr die digitale Revolution die analoge Welt mittlerweile durcheinandergebracht hat. Was als Revolution daherkommt, führt in mancherlei Hinsicht allerdings nicht zu mehr, sondern zu weniger Freiheit. »Kein Medium wurde je so stark kontrolliert wie das Internet es heute wird, und das ganz ohne staatliche Zensur«, sagt Wolfgang Schimmel. »Wenn Sie beispielsweise am Kiosk eine Zeitung kaufen und bar bezahlen, dann wissen davon nur Sie und der Verkäufer, der Sie meistens nicht einmal kennt. Wenn Sie aber die gleiche Zeitung aus dem Internet herunterladen, dann wird jeder Schritt dieses Vorgangs protokolliert und ist für die, die das wollen, überprüfbar. Dafür braucht es nicht einmal eine Schnüffelsoftware. Anonym bewegen im Netz können sich nur die, die über die entsprechenden Verfahren Bescheid wissen und das Knowhow besitzen. Das aber ist eine Minderheit.«


Was erlaubt ist

Lehrer dürfen für Unterrichtszwecke maximal 12 Prozent eines Werkes (Bücher, Arbeitshefte), höchstens jedoch 20 Seiten kopieren. Vervielfältigt werden dürfen ganze Druckwerke wie z.B. Zeitschriftenartikel, wenn diese weniger als 26 Seiten Umfang haben, sowie Fotos und sonstige Abbildungen. Die Regeln gelten allerdings nur für analoge Kopien, also für das Vervielfältigen auf Papier. Digitales Abspeichern und Vervielfältigen ist nach wie vor untersagt. Für solche Fälle stellen die Verlage Lizenzen zur Verfügung. jam
www.schulbuchkopie.de

Weitere Infos: www.bildungskoffer.org - Seite für frei nutzbare Bildungsmaterialien; www.irights.info - Informationen rund ums Urheberrecht in der digitalen Welt

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken