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Von Michael Müller
16.06.2012

Spurensuche in den schwarzen Bergen

Montenegro: Beobachtungen und Prognosen einer 100 Jahre alten Reportage und die Reiserealität heute

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Denkmal für Wladimir Wyssozki in Podgorica, dahinter Millenniums-Brücke

Die montenegrinischen Frauen entbehren schon in der Jugend des weiblichen Liebreizes, und ihre geistige Regsamkeit ist gering.*

Liljana Pavicevic ist ein augenfälliger Beweis für die Tatsache, dass nach 100 Jahren - genau so alt ist das Eingangszitat - so manches anders sein kann. Doch ziemlich sicher haben sich die montenegrinischen Frauen viel weniger geändert als die Sichtweise der sie betrachtenden Chronisten. Denn warum sollte Liljanas Ururgroßmutter weniger liebreizend, geistreich und schlagfertig gewesen sein als ihre Ururenkelin?

Genau so nämlich lernen wir diese heutige montenegrinische Liljana, von Serbien kommend und immer weiter südwestwärts fahrend, nahe dem Städtchen Mojkovac kennen. Eigentlich ist ihr »Kozak« (Ziegenstall), ein kleines aber feines Nationalni Restoran, um diese Vormittagszeit noch gar nicht empfangsbereit. Aber Kaffee für ein paar Leute, eine Popara (eine VormittagsSuppe) oder Burek (verschieden gefüllter Blätterteig) seien schnell gemacht, sagt sie. »Vielleicht schauen sie sich erst einmal etwas um. Es war noch keiner hier, der vom Panorama nicht begeistert gewesen ist. Ich geh' dann mal in die Küche.«

Kluge Frau. Der Blick ist wirklich überwältigend. Linker Hand unter der Frühlingssonne der Nationalpark Biogradska Gora mit einem Zweitausender Gipfel, Mitte Mai auch noch schneebedeckt. Rechter Hand der Sinjajevina-Rücken mit zwei Zweitausendern. Zwischen beiden Gebirgszügen schlängelt sich die Tara hindurch.

Das ist der feine Unterschied zwischen Montenegro und, sagen wir mal, den Alpen. Hier wie dort gibt es diese herrlichen, schroffen bis bizarren, von Flüssen durchzogenen Gebirgszüge, dieses Labsal für die Augen und diese Mühsal für die Füße. Allein hier aber gibt es eben auch die lockende, reale Perspektive des mediterranen Meeres.

Der Tisch im »Kozak« ist gedeckt. Dobrodosao, Herzlich Willkommen, sagt die junge Gastgeberin noch einmal und wünscht prijatno, Guten Appetit. In Montenegro oder Crna Gora, wie die Einheimischen sagen, wird - mit einer mundartigen Färbung - serbisch gesprochen. Die Gegend war über viele Jahrhunderte serbisches Siedlungsgebiet. Ähnlich wie in anderen Staaten, die aus Jugoslawien hervorgegangen sind, ist man nun dabei, eine eigene Sprache zu kreieren. Stichwort: nationale Abgrenzung. Als interessierter slawophiler Ausländer kann man nur den Kopf schütteln.

Diplomatische Posten in der Hauptstadt Cetinje gehören kaum zu den meist begehrten.

Kommt der Reisende heute nach Cetinje, so kommt er in eine längst ehemalige Hauptstadt. Der Fürst und spätere König Nikola I. hatte das einstige Gebirgsdörfchen zum Regierungssitz ausbauen lassen, nachdem Montenegro - übrigens nach dem Willen und mit Gnade des russischen Zaren Alexander II. - 1878 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erhielt. Um das Kloster herum, von dem gesagt wird, dass hier 1492 die erste Druckpresse in Südosteuropa arbeitete, entstand ein spätklassizistisches Ensemble: ein Schloss, eher Schlösschen, die Biljarda, wie es der Volksmund nannte, weil dort der Fürst einen, welch westliche Errungenschaft, Billardtisch nicht nur stehen, sondern sogar benutzt hatte; die christlich-orthodoxe Kirche der Geburt Marias, das Parlamentsgebäude. Und zwölf, heute völlig unscheinbare Häuschen, als Gesandtschaftsdomizile. Alles ein bisschen wie in Liliput.

Kustos Bogomil führt durch das Kunstmuseum im Kloster. Auf den Heiligen Petar von Cetinje geht das erste montenegrinische Gesetzeswerk zurück. Es hat - ein Exempel an Kompromisskunst - nur sechs Paragrafen. Die reichten aus, sagt der Kustos, dass die Stammesfürsten darauf schworen, das Land im Ernstfall gemeinsam zu verteidigen. Im Normalfall galt indes untereinander bis ins beginnende 20. Jahrhundert die Blutrache.

Über Cetinje erhebt sich der Gipfel des Lovcengebirges. Zu ihm kann man mit dem Bus hochfahren, so die Straße nicht wegen Schneeverwehung wie dieses Jahr noch bis Ende April gesperrt bleibt, und das Mausoleum des Fürsten und Dichters Peter II. Petrovic Njegos besichtigen. Auch ein Blick am Mausoleum vorbei lohnt, weil er nämlich bis zur nahen Adriaküste und zur Bucht von Kotor reicht. Motto: Einmal gesehen, keinmal gesehen, wiederkommen!

Das unwegsame Gebirgsland ist nichts für Reisende, und wird es für alle Zukunft nicht sein.

Man sollte nicht lächeln. Diese Annahme des Autors von 1912 hatte länger Bestand als die meisten Prognosen, die heute so in die Welt gesetzt werden. Verkehrstechnisch richtig erschlossen wurde Montenegro erst 1976 mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Belgrad zur Hafenstadt Bar. Straßen wie die, die wir nun nach Podgorica (seit 1946 Hauptstadt des Landes) nehmen, gab es zwar schon, aber, zurückhaltend gesagt, in viel bescheidenerem Ausbau.

Heute ist Montenegro nicht nur ein lohnendes Ziel für Touristen, das Land (625 000 Einwohner und noch viel kleiner als Sachsen) lebt in beträchtlichem Maß auch von ihnen. Fast 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden so erwirtschaftet. Besonders von den Urlaubern an der Adriaküste, darunter viele deutsche, aber mit enormen Steigerungsraten immer mehr russische. Zunehmend trifft man Touristen auch im Hinterland. So in der Hauptstadt Podgorica, 1946 zur neuen Metropole der damaligen jugoslawischen Republik ernannt und bis 1992 Titograd geheißen.

Bauhistorisch stammt hier das meiste ganz funktional aus den vergangenen 60er, 70er Jahren. Aber es gibt auch augenfällig moderne Akzente. Beispielsweise die Millenniums-Brücke über die Moraca. Oder - verblüffender Weise - ein Denkmal für den sowjetischen Schauspieler und Sänger-Dichter Wladimir Wyssozki (1938 - 1980). »Noch einmal geboren, möchte ich ein Montenegriner sein«, wird er zitiert. Warum, ist so genau nicht überliefert. Den Montenegrinern, vor allem den jungen, dürften indes Liedverse wie dieser imponieren: »Ich mag Politclowns nicht und ihre Reden - / Versprochen wird, gelobt und prophezeit,/ Die Zukunft wird gemalt als Garten Eden./ Das alles hass' ich jetzt und allezeit.« **

Eine Autostunde weiter südwestwärts beginnen die Serpentinen runter nach Kotor. Die Hafenstadt liegt am Ende des längsten »Fjords« der gesamten Adriaküste. Ein mittelalterliches Schmuckstück mit bis weit hinauf an den Hausberg angeschmiegten Festungsmauern und Bastionen. In diesem Cattaro, so der italienische Name, spielt das Revolutionsdrama »Die Matrosen von Cattaro« von Friedrich Wolf. Einst Literaturstoff in allen DDR-Schulen. Aus deutschen Spielplänen ist der Kommunist und Jude Wolf verschwunden. Der Kommunist, Partisanenmarschall und Präsident Tito hat in Kotor überdauert. Zumindest seine legendäre Maxime aus dem Befreiungskampf gegen die Nazis, in Stein übers Seetor gemeißelt: Tude necemo, svoje ne damo. Was sinngemäß heißt: Ihres wollen wir nicht, unseres geben wir nicht. - Ein wahrlich zeitlos vernünftiges Wort.

* Zitate aus: Montenegro - eine Reportage von W. Helmuth, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1912

**Wyssozki-Zitat »Ich mag nicht« aus: Zerreiß mir nicht meine silbernen Saiten - Liedtexte, Aufbau-Verlag, 1989, 536 S.

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